YES von Sally Potter, GB 2004, 95 Min. mit Joan Allen, Simon Abkarian, Sam Neill, Shirley Henderson, Sheila Hancock Romanze / Start: 05.01.2006 / Note 2- |
Mit den scharfsinnigen Blankversen der Putzfrau über die Vergeblichkeit aller menschlichen Sortiersysteme beginnt Potters großer Gesang, in dem es schnell um alles geht: Um Liebe, Haß, Religion, Ethnie, Aufklärung, Mythos, Ursprung und Ende. Eindrucksvoll, wie viel davon bei Potter in eine kleine, dazu hübsch klingende Silbe paßt. Und wie ihre Verse, ohne ins Alberne zu stolpern, den glaubwürdigen Text für ein angespanntes Beziehungsgespräch oder einen Vortrag über die Intelligenz der befruchteten Eizelle liefern. Handelnde Personen in Potters durch und durch theatralem Stoff sind eine Frau, eine abgeklärte Mikrobiologin (Joan Allen), ihr deprimierter Gatte, ein Politiker (Sam Neill), der beim Luftgitarrespielen die trostlosen Kompromisse seiner Ehe und seiner Arbeit betrauert (was einem Foto von einem rockenden Tony Blair nachempfunden sein soll). Schließlich ihr Geliebter, ein Exil-Libanese, ehemals Arzt, jetzt Koch (Simon Abkarian). Eine Weile kann man sich gar nicht satt sehen an den laborkühlen Bildern, in denen die Kamera (Alexei Rodionov) die Verliebten wie zwei Pantoffeltierchen in einer Ursuppe umeinander driften läßt. Mal in den ruckeligen Bildabfolgen einer Überwachungskamera, mal im sprunghaften Zeitraffer eines Daumenkinos. Dann wieder im nüchtern distanzierten Blick eines Experimentleiters. Und wenn die Kamera mit Allen eine endlose Reihe von Mikroskopen abpatroulliert, die in ihren milchigen Schutzhüllen wie wunderliche Engelapparate aussehen, dann verzahnt sie im schönen Nebenbei die menschliche Sehnsucht nach Spiritualität mit der nach restloser Aufklärung. Doch je mehr die Liebesaffäre zum mikrokosmischen Spiegel der geopolitischen Krise nach dem 11. September wird, desto angestrengter wirkt die Konstruktion der Erzählung und desto problematischer die Verkürzungen der Potterschen Kunstsprache. Mit seiner edlen, durch und durch reflektierten Hauptfigur (die als Irin aus Belfast auch noch über eine politische, tragische Biografie verfügt, die sie vorm Elitären schützt) schreibt sich der Film kosmopolitische Toleranz auf die Fahne und weiß doch bald nichts anderes vorzuführen als das Stereotype, vor dessen Gespenstern er gerade warnen möchte. So ist Joan Allen die Verkörperung der abendländischen Vernunft, ihr Geliebter bleibt der Orientale auf dem fliegenden Teppich weiblicher, westlicher Fantasie. Seine Sprache ist blumig und emotional, seine Verführungskünste sind umwerfend und seine Wechsel von glühendem Stolz zu uferlosem Selbstmitleid rasant. Sein Happy End wirkt wie eine Flucht ins Freie, ins Utopische, das bei Potter seine Zelte in einem pittoresk verwunschenen Kuba aufgeschlagen hat. Da steht es dann, das programmatische »Yes«, in den Sand geschrieben von zwei wider aller Vorurteile Verliebten. Das Ja zu der schlichten Existenz der Körper und Dinge und zum Unabänderlichen. Selbst wenn wir am Ende nichts anderes sein sollten als Milben eines ganzheitlichen Organismus, den die Probleme unserer Welt nicht weiter jucken. Ein schöner Zweckoptimismus, den man auch leichter hätte haben können. Birgit Glombitza |