Frankfurt: Muß das sein? Der Debütroman von Hanna Hartmann
Frankfurt am Main als »Location« für Kriminalromane, das ist schon so oft durchgenudelt, daß man als Einheimischer nicht gerade jubelt, wenn es auf einem Buchtitel heißt: »Ein Frankfurt-Krimi«. Mit einem gehörigen Schuß Skepsis bin ich deshalb »Darling« von Hanna Hartmann angegangen. Was will man schon als jemand, der über 30 Jahre Frankfurt auf dem Buckel hat, aus einem Krimi erfahren? Nun, ich kann sagen, es war ein Vergnügen, ein teils sogar sündiges Vergnügen, »Darling« zu lesen. Der Autorin Hanna Hartmann (zu der es weiter unten noch einen Hinweis gibt) ist ein unterhaltsamer Reiseführer durch das nächtliche Frankfurt gelungen. Es ist ein modernes Frankfurt. Keine alten Kitschpostkarten werden wiederbeschriftet, es gibt viele kleine scharfe Lichtblitze in dunkle Ecken. In Frankfurt ist das zum Teil auch die Vergangenheit, zum Beispiel die »Gemieskerch« genannte Großmarkthalle, einst Sammelpunkt für den Abtransport der jüdischen Mitbürger in die Vernichtungslager, oder der Umgang Frankfurts mit der Industriekultur. |
Mit Hanna Hartmanns Protagonisten, dem keineswegs heldenhaften Taxifahrer Adrian, werden wir kreuz und quer durch die Hauptstadt der Widersprüche transportiert. Jeder Frankfurt-Hasser und jeder Frankfurt-Liebhaber wird hier seine Stellen finden. Sei es der »Kulturexpress«, die Straßenbahnlinie 11 zwischen Fechenheim und Höchst, sei es die spießige Kuhwaldsiedlung, einst ein Kulturjuwel der Bau-Moderne, oder der Unterschied zwischen der »Sansibar I und II«. Es gibt Lektionen über die betriebswirtschaftlichen Vorteile des Sadomasochismus und sehr erhellende Hintergrundauskünfte über die Ortungsmöglichkeiten von Mobiltelefonen, die »jeder als elektronische Fußfessel freiwillig mit sich herumträgt«. Hanna Hartmann ist informiert und realitätstüchtig. Sie kennt ihre Stadt und mag sie. Sie ist hellwach, beeindruckend vorurteilsfrei und lakonischem Witz nicht abgeneigt. Sie scheint über gute Informanten aus allerlei Szenen zu verfügen. Die Internetknotenpunkte und Rechenzentren an der Hanauer Landstraße gehören dazu. Auch Pornographie im Internet und das, was in Frankfurt eigentlich die U30, die unter 30 treiben, gehört dazu. Kastor und Pollux, die Bürohochhäuser vor dem Messeturm, sind im Buch »kühle, abweisende Torwächter des Geldes, die klar und deutlich signalisieren: Du kommst hier nicht rein.« Wie die Türsteher vom »Living XXL«, die ihn früher wegen seines südländischen Aussehens immer wie einen dummen Schuljungen hatten abtropfen lassen. »Ich bin Deutscher!«, hatte er sie einmal aus Wut angeschrien. Doch der Ausdruck verpuffte völlig wirkungslos. Adrian war Luft für die Türsteher gewesen. Geschlossene Gesellschaft. »So muß sich Apartheid in Südafrika angefühlt haben, dachte er beim Blick auf die Türsteher der Frankfurter Clubszene.« Politisch korrekt ist das nicht. Das ist eine zusätzliche Qualität dieses Romans aus dem Frankfurter Societäts-Verlag. Der übrigens war einst das Haus der »Frankfurter Zeitung«, einer der wichtigsten und angesehenen Zeitungen der Weimarer Republik. Hanna Hartmann heißt in Wirklichkeit Petra Tursky-Hartmann und als solche ist sie Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Frankfurt-Sachsenhausen und Parlamentsreferentin im Hessischen Landtag. Merkt man das dem Roman an? Unpolitisch ist er nicht. Aber man muß kein Parteimitglied sein, um »Darling« zu mögen. Im Gegenteil, einige SPDler hatten da sicher gut zu schlucken. Aus Sachsenhausen also die Nachricht, daß die SPD auch anders sein kann, als wir sie derzeit wahrnehmen. Alf Mayer |