Ein irrer Typ

John Wray: »Retter der Welt«. Roman.
Deutsch von Peter Knecht. Rowohlt Verlag, Reinbek, 2009, 349 S., 19,90 €

Der österreichische Amerikaner John Wray und sein dritter Roman

Er lebt in Brooklyn, New York. Aber nur eine Hälfte des Jahres, die andere lebt er in dem österreichischen Kaff Friesach, in Kärnten. Geboren wurde er in Washington D.C., der Vater Amerikaner, die Mutter Österreicherin. Er schreibt Englisch und zählt, nach einer Umfrage eines amerikanischen Literaturmagazins, zu den zwanzig besten jungen amerikanischen Schriftstellern der Gegenwart. Sein Roman »Die rechte Hand des Schlafes« fand auch in Deutschland begeisterte, aber nicht sehr viele Leser. Dieser bedauerliche Umstand wird sich mit dem neuen Buch, seinem dritten Roman, sicher nicht ändern. Denn dieser »Retter der Welt« ist ein irres Buch. Der Held ein irrer Typ. Und das Ganze eine irre Geschichte, spannend dazu. Man muß natürlich den Mut haben, diesen Wahnsinn zu genießen.

Also starker Tobak. Ein 16jähriger behauptet, daß es die Welt nicht mehr lange macht. »Nur noch einen Tag«, dann wird sie wegen Überhitzung verglühen. Und er setzt noch eins drauf: nur er könne sie retten. Ja wie denn? (Um das zu erfahren, muß man diese wunderbar verrückt tragikomische Geschichte erstens selbst und zweitens bis zum bitteren Ende lesen).
William Heller, der sich selber »Lowboy« nennt (übrigens der Originaltitel des Buches) ist paranoid schizophren und seit fast zwei Jahren in einer Klinik. Am Tag vor seiner Entlassung, er hat die Tabletten heimlich abgesetzt und dadurch wieder seinen eigenen Willen, haut er seinen Pflegern ab und versteckt sich im New Yorker U-Bahn-System. Alle sind hinter ihm her. Doch er ist, bis zum Ende, immer einen Schritt schneller.
In der stickigen, stinkenden Unterwelt fühlt er, der »in seinem eigenen Schädel gefangen ist« für kurze Zeit so etwas wie Freiheit. »Ich kann wieder Witze machen, sagte sich Lowboy. Blöde Witze, aber immerhin. Gestern hätte ich das noch nicht gekonnt.« Doch lebt er bei seiner realen Flucht in einer Wahnwelt.
Äußerst eindringlich beschreibt John Wray die wahnhaften Wahrnehmungen seines Helden. Die Züge »kreischen« auf den Schienen. Die Tunnel »verschlingen« sie. Die Geräusche der Türen, wenn sie sich schließen, »stachen ihn in die Ohren wie ein spitzer Bleistift«. Wo immer er sich bewegt, er geht über einen doppelten Boden. In den Sätzen, die er hört, hört er immer auch eine zweite Botschaft mit. Was immer die Fahrgäste sprechen, für ihn klingt es böse, schrill und aufdringlich. Die Zellophanhülle einer Schachtel, die über den Bahnsteig weht, läßt ihn in Panik erstarren.
In der normal erscheinenden »Oberwelt« schafft es inzwischen Detektiv Lateef, auch eine schräger Typ, Liebhaber von Anagrammen und anderen Rätseln, den von William in der Klinik zurückgelassenen kryptischen Brief zu entschlüsseln. Er wolle sich »wie eine Blüte in einem Gedicht« öffnen. Williams ehemaliger Psychiater interpretiert das ganz einfach: Der Junge wolle »seine Jungfräulichkeit verlieren«, das sei doch klar, meint er mit der leicht komischen Überzeugungskraft des unbeirrbaren Fachmanns. »Das wollen doch alle Jugendlichen oder nicht?«
Das sei es also, um die Hitze in seinem Körper (und somit der ganzen Welt) zu kühlen, »um die Membran in seinem Innern zu durchbrechen«, deshalb müsse er »hinaus in die Fäulnis der Welt«. Das heißt, so übersetzt kühn, er müsse mit jemandem Sex haben. Und darauf reagieren Lateef und Williams Mutter Violet, die sich ihm bei der Suche angeschlossen hat, ihrerseits panisch. Denn jetzt ist Gefahr im Verzug.
William hatte nämlich als 14jähriger Emily, eine in ihn verliebte Klassenkameradin, auf die U- Bahn-Gleise gestoßen. Damals wollte er noch das Gegenteil, seine Ruhe, und Sex schon mal gar nicht. Emilys heftige Umarmung hatte ihn in Panik versetzt. Zum Glück passierte ihr nichts. Doch jetzt befürchteten seine Verfolger, er könne bei Streß (und Verfolgung war enormer Streß für ihn), wieder gewalttätig werden.
Tatsächlich taucht er aus der Tunnelwelt auf, allerdings mit einem kleinen Aktenkoffer, in dem sich 6oo $ befinden. Eine aberwitzig komische Szene. Ein Mann mampft in inbrünstiger Andacht einen Burger in sich hinein. Und Lowboy erleichtert, ohne die Andacht zu stören, den Freßsack um sein Köfferchen. Solche Szenen gibt es viele. Schrecken und Komik liegen halt dicht beieinander.
Tatsächlich sucht Lowboy jetzt Emily, und er findet sie auch. Unterdessen ist er zwei Jahre älter geworden, und er weiß, daß sie ihn und damit er mit ihr die ganze Welt retten kann.
Auf ihrer Flucht vor dem Detektiv und der Mutter kommen sie an einer Bäckerei vorbei. Er will seiner Liebe Cupcakes kaufen, gerät aber auch dabei in Panik. Die Frage der Verkäuferin nach Farbe und Anzahl kann er nicht beantworten. Solche zum Teil auch stummen Dialoge sind schrecklich, komisch, großartig. Hilflos steht er an der Theke, und schließlich rennt er ohne Kuchen aus dem Laden. Emily folgt ihm wieder in die U-Bahn-Schächte, aber beide sprechen nicht mehr die gleiche Sprache. Emily kann ihn nicht mehr von seinem Wahn erlösen.
Mit geschickten Schnitten – und Gegenschnitten – wird die Spannung immer weiter gesteigert. Die Einen oben, die Anderen unten, der Verfolgte und seine Verfolger kommen sich zuweilen auf einige Meter nahe.
Im Laufe dieser Jagd entwickelt sich zwischen der Mutter und dem Detektiv ein sehr eigenes Verhältnis. Natürlich wird die Mutter, wie es die Psychologie verlangt, mit einem eigenen Schlagschatten ausgestattet. Der arme Detektiv muß, zu seiner Enttäuschung, erkennen, daß er ebenfalls einer Irren aufgesessen ist. Wahnsinn und Normalität gehen ineinander über. Wray kann das beschreiben. Und das ist eine bemerkenswerte Leistung.
Ich habe, mit immer stärkerem Herzklopfen, das Buch bis zum Ende kaum mehr aus der Hand legen können. Für den armen »Lowboy« geht es nicht gut aus. Aber immerhin, er hat wenigstens einmal mit einer Frau geschlafen. Und, klar, dadurch die Welt gerettet. Denn es stimmt: Sie dreht sich immer noch.
Sigrid Lüdke-Haertel

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