Verbrecher und Volksheld, Bankräuber und Robin Hood: John Dillinger ist wie Jesse James eine jener überlebensgroßen Banditen, die das amerikanische Publikum bis heute umtreiben. Daß Dillinger in der Zeit der großen Depression nach dem Börsencrash 1929 seine Karriere begann, trägt zu seinem Mythos bei. Doch eventuelle Verbindungslinien zur heutigen Krise in der Art des Brecht’schen Bonmots »was ist ein Einbruch in die Bank gegen die Gründung einer Bank?« lassen sich in Michael Manns Epos beim besten Willen nicht entdecken.
Die Zeitgenossen hätten Dillinger auch applaudiert, wenn er in Boom-Zeiten die Bank gestürmt hätte: die Mischung aus Dreistigkeit, Intelligenz und Charme machten den »Gentleman«-Gangster zum Liebling der Massen. Mann beschränkt sich auf das schmale Zeitfenster von Dillingers Gefängnisausbruch 1933 bis zu seinem Tod nach einem Kinobesuch 1934 und konzentriert sich auf Dillingers Katz-und-Mausspiel mit der Polizei und auf die Beziehung zu seiner großen Liebe Billy Frechette. Straßenzüge und Kulissen, tiefenscharf mit hochauflösenden Handkameras gefilmt, lassen das Geschehen nicht wie einen Kostümfilm, sondern wie Reality-TV über einen um die Ecke stattfindenden Bankraub erscheinen. Mann, seit »Heat« einer der großen Stilisten unter den Regisseuren, läßt den Antihelden und seine Bande auch hier etliche Kugelhagel relativ unbeschadet überleben. Inhaltlich dient als roter Faden die Aufrüstung der Polizei: Dillingers Banküberfälle, die dank der provinziellen Cops zunächst wie ein Spaziergang erscheinen, führen zur Gründung einer Bundesbehörde, dem späteren FBI, und zum Aufstieg des späteren Kommunistenfressers Edgar J. Hoover. Hoovers Jagdhund ist Ermittler Melvin Purvis, dessen Team – und nur da gibt es eine Parallele zur heutigen Zeit – von Hoover »carte blanche« für »härtere« Verhörmethoden bekommt. Gegen den draufgängerischen Dillinger bleibt der unterkühlte, aber von Skrupeln angekränkelte Christian Bale naturgemäß blaß. Andererseits nimmt man Johnny Depp, der angesichts Gangsterbraut Billy, gespielt vom französischen Oscar-Star Marion Cotillard, fast so romantisch wie in »Don Juan de Marco« ’rüberkommt, den knallharten Ganoven nicht so recht ab. Wie Brad Pitt als Jesse James im Gangsterepos »Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford« und Tom Hanks in »Road to Perdition« ist Dillinger von der Melancholie des Todgeweihten umflort; Johnny Depp, dessen Gangsterposen in feinem Tuch ihn wie ein Mannequin wirken lassen, ist aber sicherlich eine Augenweide. Langeweile kommt also schon dank der großartigen Kameraarbeit, authentischer Kulisse und bis in die Nebenrollen hinein markanten Darsteller nicht auf. Dennoch ist hier das Ganze weniger als die Summe seiner Teile. Es fehlt eine übergreifende Idee, ein psychologischer Mehrwert, eine Begründung für diese Hommage an Dillinger, dessen Leben schon mehrfach verfilmt wurde. So wirkt der Gangsterfilm wie ein Liebhaberprojekt des 66-jährigen Mannes, der es vielleicht schlicht an der Zeit fand, auch einmal einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Birgit Roschy
PUBLIC ENEMIES (Public Enemies) von Michael Mann, USA 2009, 143 Min. mit Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cotillard, Giovanni Ribisi, Billy Crudup, Channing Tatum Gangsterfilm / Start: 06.08.2009 / Note
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