Den
Kopf zur Seite geneigt, der Blick wie festgeschraubt und stur nach unten
gerichtet, dazu ein offener Mund, der Nebensächliches schluckauf-artig
wiederholt. Puuuh! Die ersten Minuten mit Rizwan Khan sind nicht gerade
leicht. Die Gebärden, mit denen Weltstar Shah Rukh Khan das Asperger Syndrom,
eine spezielle Art des Autismus, auf die Leinwand zwingt, zeugen eher von
ungebrochenem Schauspielwillen, denn von einer klug gebrochenen Darstellung. »Mein Name ist Khan« ist eine bunt geschichtete Unterhaltungstorte, in der Khans Autismus eigentlich so viel verloren hat, wie eine Reißzwecke.
Doch die durch und durch gequälte Kreatur hat im Olymp des Bollywood-Kinos sowieso keinen Platz. Zu erdenschwer, unflexibel und traurig, um in der Heiterkeit von Tanz- und Gesangseinlagen aufzugehen. In diesem gigantischem Empfindungs-Spektakel, in dem sich tränennasses Melodram mit tänzelnder Liebeskomödie, Agit-Prop-Kino und Mainstream-Schmacht schneller abwechseln als seine Hauptdarsteller die Garderobe wechseln können, muß auch der Autist ein Komödiant, ein tragischer Held und ein in jeder Hinsicht begehrenswerter Geliebter sein. |
Anders als Vorläufer wie »Rain Man« oder »Forrest Gump« erwächst Khans hohe Moral nicht aus einer selektiven Auffassungsweise und einer schwerfälligen Verarbeitung äußerer Reize, sondern ist eine in sich selbst ruhende Charaktereigenschaft. Mit anderen Worten, Khan wäre auch un-autistisch und allein dank seiner moralischen Beharrlichkeit und seiner übermenschlichen Leidensbereitschaft das einzige Geschöpf auf Gottes Erde, das der versauten, kriegsgeilen, erwachsenen Welt, so glaubhaft und kompromißlos den Frieden erklärt.
Dem Autismus verdankt Khan also nicht sein Herz, das selbstverständlich größer ist als ein Einkaufszentrum, und nicht seine Unschuld, die hier interessanterweise nichts mit sexueller Ahnungslosigkeit zu tun hat. Er verdankt dieser Verhaltensauffälligkeit eine überhöhte Kindlichkeit (und auch das funktioniert so unverklemmt und ironiefrei eben nur in den quietschbunten Träumen des Bollywood-Kinos), die schlicht das effektivste Mittel zu sein scheint, eine hübsche, alleinerziehende Witwe zu erobern. Und wie er das macht, als indisch-muslimischer Avon-Berater, der mit seinen Tiegeln und Tuben durch die Beauty-Studios San Franciscos zieht, ist von verstörender Zielstrebigkeit und wird von nicht minder irritierendem Erfolg gekrönt. Khan bekommt Mandira (Kajol Devgan), die schönste, strahlendste, herzlichste Friseuse von allen. Eine Rosamunde Pilcher bleibt in ihren blümchenumrankten Sehnsüchten vergleichsweise bescheiden. In der Farbigkeit einer »Miami Vice«-Folge beziehen die beiden ihr Glück. Und wenn der Gatte in die Küche kommt, seine Frau um Sex wie um ein Glas Milch bittet und die Gute milde lächelnd alles stehen und liegen läßt, dann ahnt der westliche Zuschauer, wie eskapistisch, frei und kastenlos diese Traumfabrik erst in ihrer Heimat wirken muß.
Die Geschichten dieses Kinos passieren in einer Welt, in der alles möglich ist, jeder jeden lieben kann, jedenfalls solange keine Geschlechtsmerkmale im Bild aufblitzen. Das Böse in »Mein Name ist Khan« ist die erwachsene Paranoia, die nach dem 11. September ein schauriges Paralleluniversum direkt neben Khans Idylle bewohnt. Als Stief-Sohn eines Muslimen wird Mandiras Junge auf dem Fußballplatz erschlagen. Die Familie zerbricht, Mandira verbittert, Khan wird verstoßen.
Es ist der beschwerlichste aller Wege, den er nun wählt. »Mein Name ist Khan. I am not a terrorist« sagt er immer und immer wieder, in jedes Gesicht und jede Kamera. Khan geht den Leidensweg politischer Verfolgung, er durchleidet folterähnliche Verhörmethoden. Er appeliert an den Präsidenten, mobilisiert alle Medien und Naturkatastrophen, um das Herz der versteinerten Mandira zu erweichen und seine Unschuld zu retten. Für dieses masochistische Heldentum braucht es weder im Märchen und schon gar nicht im Bollywood-Film eine Krankheit, sondern eine kindliche Beharrlichkeit, die sich gegen alle Vernunft stemmt. Dazu eine Erlösungssehnsucht, die weit über das eigene Leben hinausreicht und nicht eher Ruhe findet, als bis der ganze Erdball von islamfeindlicher Hetze und Rassismen kuriert ist.
Nach zwei Stunden, und da hat man selbst in der gekürzten Fassung noch etliche Minuten vor sich, schwirrt einem der Kopf vor der unbändigen Fabulierlust dieses Genres und vor all seinen himmelhochjauchzenden, dann wieder bodenlos tragischen Wendungen, die für sich genommen schon komplette Meldodramen abgeben. Am Ende gibt es kaum noch eine Ungeheuerlichkeit, bei der Khan nicht seine Finger im Spiel hat. Von der Vereitlung islamistischer Attentate über die Rettung von Opfern des Hurrikans Katrina bis zum Machtwechsel im Weißen Haus. Im Grunde nimmt Khan sogar die leuchtende Erlösergestalt Obama vorweg. »My Name ist Khan« ist nichts weniger als eine Erweckungsgeschichte der Vereinigten Staaten. Und pikanterweise eine, die von außen erzählt wird, aus der Randgruppenperspektive eines indisch muslimischen Einwanderers. Die Wand gegen die Khan immer wieder aufs neue anrennt ist am Ende nichts anderes als der Autismus der westlichen Arroganz. Hier haben wir also die wahre Reißzwecke in der Sahnecreme.
Der Clash aus dem Traumkonstrukt indischer Massenunterhaltung und den Projektionen westlicher Angstmaschinerien macht aus diesem bonbonbunten, unmäßigem, prächtig überdrehtem und amüsantem Bollywood-Stück eine ungeheuer selbstbewußte und doppelbödige Angelegenheit. Und wenn Weltstars wie Shah Rukh Khan und Kajol Devgan, die in ihrer Heimat Gott näher sind als jeder andere Erdling, ihre Gesichter für diesen moralischen Schulungsfilm ins Licht halten, darf sich das eingebildete Kino des Westens durchaus ein bißchen demütig zeigen. |