Um den Western ist es schlecht bestellt. Wer will schon zwei Stunden lang wettergegerbte Rauhbeine sehen, die sich mit Indianern, Rindviechern oder asozialem Pack herumschlagen. Heutzutage sollen Männer beziehungsfähig, problembewußt und glatt rasiert sein – und Frauen zuhören. Da wird allenfalls ein kurzer Marlboro-Werbespot als Erinnerung an frühere Zeiten hingenommen.
Nun ist aber gerade das Kino der Ort, an dem andere als die alltäglichen oder politisch korrekten Welten gesucht und gefunden werden. Im Kino fasziniert das Abseitige, das Verbotene. So gesehen könnten die Zeiten gut sein für den Western: als ein Genre für alle, die von den verständnisvollen Softies die Schnauze voll haben. Natürlich muß in einem neuen Western eine sympathische Frau vorkommen, die einem Mann nicht nur die (Schuß-)Wunden verbinden, sondern hin und wieder auch gehörig die Meinung sagen kann. Aber von der Sorte hat es ja auch schon in den schönen alten John-Ford-Western einige gegeben.
Außerdem braucht es einen unerschrockenen Regisseur, der gut erzählen kann. Gut wäre es, wenn er gleich noch die Hauptrolle und so die Führungsposition vor und hinter der Kamera übernehmen könnte. Geradezu eine Idealbesetzung ist Kevin Costner, wenn man einen sucht, der dem Western-Genre neues Leben einhauchen könnte. Zumal er vor einem Dutzend Jahren schon einmal mit dem Wolf getanzt und dabei sogar einen erfolgreichen Western zustande gebracht hat.
»Open Range«, sein neues Werk, ist auch ein wenig dem Zeitgeist verpflichtet. Costner spielt den Cowboy Charley Waite, der für und mit Boss Spearman (Robert Duvall) eine Rinderherde durch den Westen treibt. Ein rauher Bursche also. Doch er liefert sich mit Annette Bening, der aufrechten Sue Barlow, Schwester und Gehilfin des Doktors von Harmonville, manchmal Dialoge, wie sie für eine Selbsterfahrungsgruppe typisch sind. Die Frage, die der Cowboy für sich selbst zu beantworten hat, ist wiederum ganz klassisch. Er muß sich entscheiden, ob er weiter mit seinem Freund Boss herumziehen oder bei der patenten Arzthelferin bleiben will.
Erleichtert wird ihm die Wahl durch eine gewisse Müdigkeit, und vielleicht ahnt er auch, daß die Zeit der offenen Weideräume (open range) bald vorbei sein könnte. Einen ersten Vorgeschmack bekommt er in der Gegend des besagten Harmonville, wo Rancher Baxter (Michael Gambon) den vorbeiziehenden Cowboys mit ihren Viehherden das Weiderecht streitig macht. Baxter handelt noch gegen das Gesetz, und er läßt Schläger und Killer auf die Fremden los. Später wird das Gesetz auf der Seite der Siedler und das weite Land von Zäunen durchschnitten sein.
In Costners Western muß der böse Baxter als dummer Fiesling seine Mitbürger bedrohen, damit sie für die Fremden und im Grunde gegen ihre eigenen Interessen Partei ergreifen. Denn in der Auseinandersetzung zwischen Nomaden und Seßhaften müßten die Geschäftsleute des Städtchens auf der Seite der Seßhaften stehen. Doch sind wir nicht kleinlich! Gerade Costners Naivität macht den Reiz seiner Filme aus. Er ist eben ein Regisseur, der seinen Stories vertraut – und den Bildern, in denen er sie erzählt.
Thomas von Wolffersdorff
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