Ein Risiko zuviel

... UND DANN KAM POLLY
Along Came Polly
von John Hamburg, USA 2003, 90 Min. mit Ben Stiller, Jennifer Aniston, Philip Seymour Hoffman, Debra Messing, Hank Azaria, Alec Baldwin,
Romant. Komödie

Start: 04.03.2004
Note: 3+

Keiner kann zur Zeit überzeugender den dummen August spielen, der Ungemach magnetisch anzieht, als Ben Stiller. Ohne daß man Mitleid für ihn empfände: edle Gefühle untergräbt er in seiner neuen Komödie durch deftige Situationskomik.

Wer schon beim kleinsten Schreck die Braut fallen läßt, darf sich über ihre Retourkutsche nicht wundern. Sobald eben jenem Ben Stiller – in »... und dann kam Polly« ist er der Risikoanalyst Reuben – etwas spontan über den Weg läuft, wenn er seine frische Angetraute Lisa (Debra Messing) über die Schwelle des Hotelzimmers trägt, reagiert er panisch. Nun hat zwar Lisa einen blauen Riesenfleck, doch bald wird Reuben, dem schon in den karibischen Flitterwochen die Braut abhaut, zur Zielscheibe des Slapsticks.
In seiner, nach »Zoolander« und »Meine Braut, ihr Vater und ich« dritten Zusammenarbeit mit Ben Stiller weiß Regisseur und Drehbuchautor John Hamburg schließlich, welche Knöpfe er drücken muß. Zwar ist die titelgebende Liebesgeschichte zwischen dem zwanghaften Reuben und der unbeschwerten Polly wenig glaubhaft, doch ein Reigen saftiger Nebenfiguren stiehlt den beiden ohnehin die Schau. Der phobische Kontrollfreak Reuben ist umzingelt von provozierend sorglosen Menschen - angefangen bei Hank Azaria (»Ein Käfig voller Narren«) als nacktem Yachtbesitzer Claude, dessen lässiger französischer Akzent jeden anderen als den auf Zahlen fixierten Reuben in Alarm versetzen würde. Mit einem schleimigen »Au revoir, Reuben« verabschiedet sich Claude von dem Angsthasen, um mit Lisa allein in die Karibik abzutauchen. In New York erwartet den gehörnten Ruben Alec Baldwin als großmäuliger Chef, der Reuben beim gemeinsamen Pinkeln Ekelschauer über den Rücken jagt, sowie der großartige Philip Seymour Hoffman (»Magnolia«), der als Rubens Kumpel Sandy und egozentrisch ungeniert fortwährend ungestraft in diverse Fettnäpfchen tritt und so für die besten Lacher sorgt. Auch Rodolfo, ein kurzsichtiges Frettchen und Pollys Haustier, muß einiges aushalten. Jennifer Aniston, die als heiter zerstreute Bohémienne Polly ihre »Friends«-TV-Persona weiter spinnt und Reuben erwartungsgemäß »umdreht«, ist noch die gemäßigste unter all den komplexfreien Zeitgenossen, die sich mit Juchhe ins pralle Leben stürzen. Wie etwa in orientalische Lokale, wo mit Händen gegessen, und in Underground-Salsaclubs, wo Reuben von wirbelnden Haarmähnen gepeitscht wird.
Die aus zig Filmen bekannte Konstellation aus einem Verklemmten und seiner lockeren Freundin funktioniert gut, weil schlechte Witze mit subtilerer Alltagskomik und schlagfertigen Dialogen kombiniert werden. Spielverderber Reuben, der zu jeder Lebenslage Hygiene- und Unfallstatistiken auswendig zitiert, untermalt den Spaß mit gruseligen Infos. Doch so genau wollten wir nie wissen, wie oft sich Männer die Hände waschen und wieviel bakterielles Leben in Knabberschalen auf Bartheken existiert.

Edda Jochum