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Rauchende Hirne |
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BLUEBERRY UND DER FLUCH DER DÄMONEN (Blueberry) von Jan Kounen, F 2004, 124 Min. mit Vincent Cassel, Michael Madsen, Juliette Lewis Western |
Im Wandel der Zeiten hat der Western eine Menge durchgemacht. Doch so dreist durch den Wolf gedreht wie in dieser französischen Version wurde er noch nie.Als formale Vorlage dienten zwei Episoden der Comic-Serie »Leutnant Blueberry« – »Die vergessene Goldmine« und »Der Geist mit der goldenen Kugel« – vom französischen Comic-Künstler Jean Giraud. Inspiriert ist der Film aber vom esoterischen Moebius, und so driftet die Geschichte vom Marshal Blueberry, Sheriff eines Kaffs am Rande der Wüste, recht schnell in therapeutische Fantasy ab. Rauchende Hirne statt rauchende Colts: Das wird Genreliebhaber mindestens so entsetzen wie einst die schwarzhumorigen Übertreibungen der Spaghetti-Western. In seiner verwegenen Attraktivität ähnelt der französische Star Vincent Cassel sogar Clint Eastwood, wenn er schlaksig, stoppelig und mit stechendem Blick die örtlichen Desperados in Zaum zu halten versucht. Blueberry schleppt ein schweres Trauma mit sich herum, seit er als Jüngling miterlebte, wie seine Geliebte bei einer Schießerei ums Leben kam; er selbst floh schwerverletzt in die Wüste und wurde von Indianern gesund gepflegt. Nun holt ihn die Vergangenheit in Gestalt seines Todfeindes Wally (Michael Madsen, der zuletzt in »Kill Bill 2« in die Wüste geschickt wurde), wieder ein: der Pistolero ist auf der Suche nach einem mythischen Indianerschatz. Die eher wirre Handlung, in der noch mehr absonderliche Gestalten herumspuken (Juliette Lewis ist als Saloon-Diseuse eindeutig fehlbesetzt), mündet mit Hilfe diverser indianischer Rauschmittel in einen Psycho-Showdown, der sich als langer, langer Trip ins tief Verdrängte entpuppt. Wie man den Western mit Hilfe der Rothäute als spirituelle Projektionsfläche benutzt, das hat bereits Jim Jarmusch in »Dead Man« vorgemacht, und auch im verkannten Neo-Western »The Missing« kamen Schamanen und Totemtiere zum Einsatz. Hier fliegt die Kamera mit den Totem-Adlern über grandiose Cowboy-Landschaften; in Trance visualisieren sich Seelen-Dämonen in Lichtwirbeln, in Krabbel- und Kriechgetier und das wiederum zu Ornamenten; Ektoplasma wabert durch Raum und Zeit… Gelegentlich starrt man auf die Überblendungen und assoziativen Bildstörungen wie auf eine Waschmaschine im Schleudergang, was auf die einen hypnotisch, auf die anderen nervend wirken mag - zumal Ähnlichkeiten mit Matrix-Computerspielereien nicht zu verhehlen sind. Wo mancher Regisseur Blueberry aber als x-ten biederen Indiana-Jones-Imitator inszeniert hätte, hat Kounen mit seinem psychedelischen Western-Trip eine ziemlich mutige Gehirnwäsche gewagt: Schamanismus mit der Brechstange und zugleich unorthodoxe Extravaganza, die vor Gaga-Momenten keine Angst hat. Ganz so wie es bereits die wild wuchernden Filme seiner Kollegen, etwa »Die Purpurnen Flüsse« und »Pakt der Wölfe« vorgemacht haben: Ein unberechenbarer, aparter Mainstream-Ausreißer. Birgit Roschy |