DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI
von Hans Weingartner, D/Österreich 2004, 126 Min. mit Daniel Brühl, Julia Jentsch, Stipe Erceg, Burghart Klaußner, Peer Martiny
Drama
Start: 25.11.2004
Note: 2

Linke Streiche

Wie ungerecht ist doch das Geld verteilt! Die einen haben mehr, als sie ausgeben können, den anderen fehlt es an allen Ecken und Enden. Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) unternehmen etwas dagegen.

Sie machen die Villenviertel von Berlin unsicher. Wenn niemand zu Hause ist, steigen sie in ausgespähte Nobelhäuser ein, stellen die Möbel zu bizarren Arrangements zusammen, verstauen ein paar Dinge im Kühlschrank und treiben wie Kobolde ihren Schabernack.
Sie hinterlassen Botschaften mit einem drohenden Unterton: »Die fetten Jahre sind vorbei« oder »Sie haben zu viel Geld. Die Erziehungsberechtigten«. Die beiden jungen Männer wollen einschüchtern, verunsichern. Daß sie nichts mitgehen lassen, macht ihre bizarren Aktionen in ihren Augen zu moralischen Taten.
»Das Rebellieren ist halt schwieriger geworden«, erklärt Jan einmal. Er ist ein Romantiker. Als er sich hinter Peters Rücken in dessen Freundin Jule (Julia Jentsch) verliebt, gerät sein schönes Konzept durcheinander.
Er läßt sich von Jule überreden, unvorbereitet in das Haus eines Mannes einzubrechen, dem sie Geld schuldet. Prompt werden die beiden erwischt – und zu dritt entführen sie den heimgekehrten Hausbesitzer Hardenberg (Burghart Klaußner). Auf einer entlegenen Almhütte kommt es zu langen Diskussionen über den Zustand der Welt und wie er zu verändern wäre. Daß Hardenberg sich als Altachtundsechziger ausgibt, macht die Sache besonders reizvoll. Ein Ex-Revoluzzer hat sich angepaßt, Karriere gemacht und wird schließlich zum Gegner der nächsten rebellierenden Generation. In seiner Jugend hätte er sich so einen Bonzen, der er selbst heute geworden ist, auch gerne einmal vorgenommen.
Regisseur Hans Weingartner stellt in seinem neuen Film »Die fetten Jahre sind vorbei« die Personen in den Vordergrund und liefert den politischen Diskurs bei aller Entführungs-Dramatik völlig unaufgeregt. Dem Publikum gibt er genügend Gründe, die Sympathien auf Entführer und Entführten gleichmäßig zu verteilen.
Nach seinem Regieerstling »Das weiße Rauschen« ist dies Weingartners zweite Zusammenarbeit mit Daniel Brühl. Und wieder fällt die authentische, zupackende Darstellung auf, die auch auf die in beiden Filmen eingesetzte digitale Videokamera zurückzuführen ist. Weingartner lotet die Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm aus. »Man muß das Gefühl haben, dem wahren Leben zuzusehen, nicht einem Film«, hat er in einem Interview gesagt. Mit »Die fetten Jahre sind vorbei« ist er seinem Ziel recht nahegekommen.
Claus Wecker