DIE STILLE NACH DEM SCHUSS
Start: 14.09.2000
Note: 3+

Blümchentapete für die RAF

Geht doch nach drüben, höhnte Volkes Mund, als die radikale Linke demonstrierte. Volker Schlöndorffs neuer Film »Die Stille nach dem Schuß« zeigt das fiktive, aber an authentischen Vorbildern orientierte Schicksal einer jungen Frau, die genau das tat.

Es ist schwer, Zwanzigjährigen die Hysterie und den Haß zu vermitteln, mit der einst die RAF aufgenommen wurde. Das Brett vor dem Kopf war auch bei der RAF selbst das vorherrschende Merkmal, wie die nur bizarr zu nennende Geschichte einiger deutscher Terroristen beweist. Angetreten, den autoritätshörigen Kleine-Leute-Mief in der BRD zu bekämpfen, fanden sich einige genau darin wieder: gastfreundlich aufgenommen vom Arbeiter-und-Bauern-Staat, als bestens getarnte Neubürger der DDR. Sobald die Mauer weg war, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie aufflogen. Und siehe da: sie hatten ganz spießbürgerliche Karrieren gemacht, waren geschätzte Brigade-Kollegen, setzten Kinder in die Welt und bestellten ihr Gärtchen. Und das trotz aller Widersprüche zwischen sozialistischer Theorie und mißmutiger Praxis. Ganz abgesehen von den gräßlichen Blümchentapeten, den alkoholseligen Betriebsfeiern, den Plattenbau-Wohnungen, den plumpen Sprüchen der Stasi-Leute.

Rita Vogt, die in der BRD nach einem Banküberfall als Terroristin gesucht wird, lebt sich ohne größere Schwierigkeiten in dieses verbarrikadierte Universum ein. Sie bekommt eine Legende, arbeitet in einer Druckerei und freundet sich an mit Tatjana, die so schnell wie möglich in den Westen will. Wenn Rita 10 Mark in den Solidaritätsfonds für Nicaragua spendet, schütteln ihre Kolleginnen mit dem Kopf. Schnell und kühl handelt der Film die Stationen von Ritas zweitem Ich ab, genauso wie die Ereignisse, die ihrem Untertauchen in der DDR vorausgingen. Es hat etwas von einem Actionfilm, wenn Rita zusammen mit einer Freundin in Pariser Gassen auf dem Mofa vor der Polizei flüchtet. Auch am Schluß gibt es eine wilde Flucht, bei der lovely Rita, gespielt von Bibiana Beglau mit wehenden Haaren, noch einmal ihr Temperament beweist. Das ist spannend anzusehen, ebenso wie – aus Westperspektive – die Innenansicht der DDR vor einigen Jahren.

Das Drehbuch zu Schlöndorffs Film schrieb Wolfgang Kohlhaase, der einst auch für die DEFA arbeitete. Beide konzipierten die Figur der Rita als die einer selbstbewußten Frau, die ohne zu zögern und mit tödlicher Konsequenz ihren Weg verfolgt. An diesem idealisierten Bild eines fehlgeleiteten weiblichen Robin Hood fehlen aber einige Facetten: daß die patente Rita nur aus Liebe zum Terroristen Andi in den Untergrund geht, ist wohl doch zu platt. Und warum die Rebellin sich so anstandslos in das DDR-System fügte, wird nicht weiter verfolgt. Zu holzschnittartig sind die Ereignisse aneinandergefügt, zu vieles ist nicht stimmig an diesem Charakter, wenn auch der Verlag behauptete, daß Schlöndorff sich auf Inge Vietts Autobiographie gestützt habe. Und letztendlich entgeht Schlöndorff, der den Mut hatte, dieses immer noch heiße Eisen anzufassen, die absurde Komik dieses deutsch-deutschen Verwirrspiels. Vielleicht wäre eine satirische Herangehensweise dem Thema mehr gerecht geworden – aber dafür ist es wohl noch zu früh.

Birgit Roschy

DIE STILLE NACH DEM SCHUSS
von Volker Schlöndorff, D 2000, 104 Min. mit Bibiana Beglau, Martin Wuttke, Nadja Uhl, Harald Schrott, Alexander Beyer, Jenny Schily,
Politdrama
Start: 14.09.2000

Note: 3+