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Pizza & basta |
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SOLINO |
Fatih
Akin hat zwei der schönsten deutschen Filme der letzten Jahre gedreht:
das Krimimelodram »Kurz und schmerzlos« (1998) und das Roadmovie »Im
Juli« (2000). In beiden Filmen wagte Akin Emotionen, Überschwang, Liebe,
Verzweiflung, die Suche nach dem großen Glück, und die Gratwanderung am
Rande des Kitsches gelang ihm glänzend.
Jetzt bringt er – wieder im Zwei-Jahres-Rhythmus – seinen neuen Film »Solino« heraus, und der ist leider eine Enttäuschung. Dabei klingt das Sujet vielversprechend: Erzählt wird die Geschichte der Familie Amato, die aus dem italienischen Dorf Solino nach Deutschland gekommen ist und in Duisburg 1964 die erste Pizzeria des Ruhrgebiets eröffnet, die sie natürlich »Solino« nennt. Es ist eine Erfolgsgeschichte, erkauft aber mit dem allmählichen Zerfall der Familie. Die Mutter Rosa, Meisterköchin der Spaghetti, an den Herd verbannt, lernt kaum Deutsch, ist überarbeitet und wird krank, und als sie ihren Mann Romano, den stolzen Wirt, ausgerechnet in ihrer Küche mit einer fremden Frau erwischt, geht sie zurück nach Italien. Die Brüder, die eigentlichen Hauptfiguren, der hübsche und begabte Gigi (Barnaby Metschurat), der das Restaurant nicht übernehmen will, sondern vom Kino träumt, und Giancarlo (Moritz Bleibtreu), immer neidisch auf Gigi, den jüngeren, leben sich zwar in Duisburg ein, werden aber immer mehr zu Feinden. Auf recht hinterhältige Weise betrügt und verrät Giancarlo immer wieder den eher naiven und oft hilflosen Bruder, bringt ihn um seinen frühen Ruhm als Filmemacher und spannt ihm die Freundin aus. Gigi geht mit der Mutter nach Italien und findet dort mit Ada, seiner Freundin aus Kindheitstagen, ein kaum erwartetes Glück. Und Filme dreht er auch. Warum funktioniert die Geschichte nicht? Das Drehbuch stammt diesmal nicht von Fatih Akin, sondern von Ruth Toma (u.a. »Gloomy Sunday – Ein Lied von Liebe und Tod«), aber das ist sicher nicht der einzige Grund, Akin hat diese Vorlage ja akzeptiert und gewollt. Sie hat wohl seinen Ehrgeiz als Regisseur geweckt, sie fordert ihn mehr als die früheren Filme. Die Handlung erstreckt sich über einen langen Zeitraum, die drei Episoden spielen 1964 (Gründung der Pizzeria), 1974 (die Konflikte in der Familie sind voll ausgebrochen) und 1984: Alle, mit Ausnahme des Vaters, treffen sich bei Gigis Hochzeit in Solino. Akins Stärke in seinen anderen Filmen lag darin, die innere und äußere Spannung allmählich aufzubauen, zu steigern, zu Höhepunkten zu führen. Hier nun werden durch die Episodenstruktur und die Vielzahl der angetippten Themen die Erzählstränge immer wieder gekappt, der Film findet keinen Rhythmus, es gibt nur kleine emotionale Aufschwünge, die schnell wieder in sich zusammenfallen. Kein Wunder, daß auch die Schauspieler, weil ihnen die Rolle zerstückelt wird, nicht recht überzeugen können. Nur bei einem Symbol ist die Auflösung auf witzige Weise gelungen: Die kleine Ada hatte sich 1964 beim Abschied von Gigi gewünscht, er solle ihr Schnee aus Deutschland mitbringen. Wieder zurück in Solino kann er ihr nach zehn Jahren einen Film vorführen, den er gedreht hat: weißer Winter im kalten Norden. Es sind solche Einzelszenen, die Solino dann doch Charme und Kraft geben. Eine nächtliche, wilde, verrückte Autofahrt im Ruhrgebiet, bei der die Brüder sich nahe sind wie sonst kaum: Das ist »richtiger« Fatih Akin. Leider zu selten. Wilhelm Roth |