Eulenspiegel der 80er Jahre

SIE HABEN KNUT
von Stefan Krohmer, D 2003, 107 Min. mit Hans-Jochen Wagner, Valerie Koch, Pit Bukowski, Alexandra Neldel, Ingo Haeb, Daniel Nocke
Tragikomödie

Start: 30.10.2003 
Note: 1-

Der Titel macht neugierig: »Sie haben Knut« ... Wer sind »sie«, und wer ist Knut? Ist Knut ein neuer Godot oder Katelbach, auf den wir warten sollen – und der dann womöglich niemals kommen wird?

Nein, Knut ist einer, um den sich Gruppen bilden, ein Mittelpunkt. »Unser Organisationstalent« heißt es im Film, was aber ironisch gemeint ist. Anführer hätte man ihn früher genannt. Aber das Wort »Führer« ist mittlerweile verpönt. Dafür haben die 68er gesorgt. Und Knut selbst würde es vermutlich auch nicht gerne hören. Denn Knut ist politisch engagiert.

Damit ist auch klar, auf wen sich das Wörtchen »sie« bezieht. »Sie«, das sind natürlich die Bullen. Die Staatsmacht hat Knut verhaftet. Das ist ein schwerer Schlag für seine Freunde aus der Volleyballgruppe, die gerade hoch oben in den Tiroler Alpen Skiurlaub machen. Kaum sind sie in der Hütte angekommen, erreicht sie die schlimme Nachricht.

Was nun? »Wir werden hier bestimmt nicht Urlaub machen, als wenn nichts passiert wäre«, sagt Wolfgang. Schließlich drohe Knut »Isohaft« oder Schlimmeres. Also wird abgestimmt. Abreisen, »um vor Ort zu sein und möglicherweise aktiv werden zu können«, oder dableiben, »um irgendwas in Knuts Sinne auf die Beine zu stellen«. Konkreter geht’s nicht, konkreter wird’s nicht.

Im Winter des Jahres 1983 ist der Elan der 68er verflogen. Die politischen Inhalte sind im Archiv abgelegt. Die Revolution ist abgesagt.

Wolfgang, der Chefideologe der Gruppe, ist ein müder Vertreter seiner Zunft. Eigentlich nervt er nur noch. Drehbuchautor Daniel Nocke hat seine Rolle übernommen, und er stellt ihn als einen unsympathischen Mahner dar, den keiner hören will. Natürlich haben Knuts Freunde und Genossen auch einen politischen Anspruch, doch im Grunde wollen sie ihren Spaß haben. Anspruch und Wirklichkeit, Reden und Taten passen nicht zusammen.

Die Personen des Films sind in einem Moment Witzfiguren, im nächsten ärgerliche Deppen, und hin und wieder kann man sie auch bedauern. Ingo, der mit seiner Freundin Nadja eine unsägliche Beziehungsdiskussion beginnen möchte, als Knuts Gruppe ihn jäh unterbricht, wird erleben, wie sich seine Beziehung klärt. Und Lars, der jüngere der beiden Kinder im Film und die sympathischste Figur von allen, wird sich am Ende vom älteren Niklas anstiften lassen, heimlich Kühe zu quälen. Die Eltern sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu bemerken, was in ihren Kindern vorgeht. Denen kommt jedes Ventil gelegen. Denn der Selbstverwirklichungstrip ihrer Eltern ist für sie besonders anstrengend.

Daniel Nocke und Regisseur Stefan Krohmer haben die alternative Szene in den achtziger Jahren als Kinder erlebt – ungefähr so alt wie Lars und Niklas. Sie haben gut aufgepaßt damals. Jetzt schildern sie jene Welt: romantisch, traurig und vor allen Dingen irre komisch. In einem grandiosen Eulenspiegel der achtziger Jahre, besser als »Herr Lehmann« oder »Liegen lernen«.

Es gibt Filme, die bilden eine bestimmte Zeit so genau ab, treffen auch den Ton so präzis, daß man als Zuschauer nur staunen kann – und als Kritiker ins Schwärmen kommt. »Sie haben Knut« ist so ein Film.

Thomas von Wolffersdorff