Auch Mozart liebt Mao

BALZAC UND DIE KLEINE CHINESISCHE SCHNEIDERIN - Balzac et la petite tailleuse chinoise
von Dai Sije , F/China 2002, 116 Min. mit Zhou Xun, Chen Kun, Liu Ye, u.a. 
Romanze

Start: 25.12.2003
Note: 2

Nur mühsam können sich die Gymnasiasten Luo und Ma beherrschen, als bei der Ankunft im Dorf ihre Sachen gefilzt werden. Wie eine scharfe Bombe geht Mas Violine von Hand zu Hand und kann gerade noch vor dem Feuer gerettet werden.

Die beiden Gymnasiasten sind Opfer der Kulturrevolution: als Söhne bourgeoiser Intellektueller werden sie 1971 zur Umerziehung in ein einsames Bergdorf am Phönix-des-Himmels im Yong Jing-Distrikt zu ungebildeten Bauern verbannt, und der Ortsvorsteher gedenkt die beiden feinen Pinkel ordentlich zu triezen. Doch die wahren Bomben sind nicht Violine und Mozartsonate, von Ma geistesgegenwärtig umgetauft in »Mozart sehnt sich immer nach dem Großen Vorsitzenden Mao«. Als viel explosiver erweist sich verbotene europäische Literatur. Ma und Luo verlieben sich in die Enkelin des lokalen Schneiders, genannt »Kleine Schneiderin«, und zu dritt luchsen sie ihrem Leidensgenossen »Brillenschlange« einen Koffer literarischer Konterbande ab. Und zwischen dem Schleppen von Fäkaliendünger und dem Schuften im Bergwerk lesen sie der analphabetischen Kleinen Schneiderin vor allem Balzac-Romane vor. 
Der nach Frankreich emigrierte Chinese Dai Sijie verfilmte selbst seinen gleichnamigen Bestseller, eine Mischung aus Autobiographie und Fiktion, und man hat ihm vorgeworfen, zu wenig politische Hintergründe zu zeigen - doch das hat er bereits in Dokumentarfilmen über die Kulturrevolution getan. So erinnert seine bittersüße Komödie manchmal an die Vergangenheitsbewältigung hiesiger ostalgischer Filme: kommunistische Abstrusitäten dienen vor allem als Witzlieferanten. Mehr am Herzen liegt Sijie die anschauliche Verknüpfung von drei der schönsten Dinge des Lebens: Liebe, Literatur, und Reisen, seien sie auch nur im Kopf. Letzteres tut der Zuschauer, der eine atemberaubende, wildromantische Landschaftsszenerie kennenlernt, und die Zuhörer im Dorf, die mit dem Grafen von Monte Cristo mit der Kutsche über Pariser Kopfsteinpflaster jagen. 
Die Bücher des Klassenfeindes zeitigen verblüffende und schließlich auch für die Jungs, die wie Jules & Jim um das Mädchen werben, fatale Wirkungen. Nicht nur die Kommunisten, auch frühere Elterngenerationen wußten, wieso sie ihren Töchtern das Lesen von Romanen verbaten: der literarische Eskapismus hat den Geschmack von Freiheit und Abenteuer und bringt nicht nur den Opa, der Rüschenblusen im Stil des 19. Jahrhunderts schneidert, auf dumme Gedanken … 
Ein Film, der niemand weh tun will (und in China gleichwohl verboten ist) und dem die Leser des Romans das Weglassen mancher Episode vorwerfen mögen: Für Nichtkenner jedoch ist diese elegische »éducation sentimentale«, voll mit interessanten Details und manchmal deftigem Humor, nicht nur schön anzusehen, sondern ein Film, der so anschaulich und simpel wie kaum ein anderer den Zusammenhang zwischen Literatur und Utopie aufzeigt und die Kraft der Fantasie beschwört.

Birgit Roschy