Eine kleine düstere Welt

MYSTIC RIVER
von Clint Eastwood, USA 2003, 137 Min. mit Sean Penn, Tim Robbins, Kevin Bacon, Laurence Fishbourne, Marcia Gay Hayden, Laura Linney
Drama

Start: 27.11.2003
Note: 2-

Ein Clint-Eastwood-Film ohne Clint Eastwood. In seinem neuen Film beschränkt sich die mittlerweile 73-jährige Hollywood-Legende auf die Rolle des Regisseurs, Koproduzenten und des Komponisten der Filmmusik. Und er bearbeitet eines seiner großen Themen: Gewalttätigkeit und ihre verheerenden Folgen.

In einem Arbeiterviertel in Boston spielen die drei Schuljungen Jimmy, Sean und Dave auf der Straße Hockey. Dabei entdecken sie ein Stück frischbetonierten Bürgersteig. Jimmy schlägt vor, daß sie ihre Namen in den Beton ritzen. Gesagt, getan. Doch ein Auto hält an, und vermeintliche Zivilpolizisten stellen die Kinder wegen Sachbeschädigung zur Rede und nehmen Dave in ihrem Wagen mit. Später stellt sich heraus, daß es sich bei der Kripostreife in Wahrheit um eine Päderastenbande gehandelt hat. Die hält den kleinen Dave ein paar Tage gefangen, bis er sich befreien und fliehen kann. Der bedauernswerte Junge ist fortan traumatisiert, und keiner der beiden Freunde kann den Gedanken loswerden, was gewesen wäre, wenn er in den Wagen gestiegen wäre.
25 Jahre später sind aus den Schuljungen Familienväter geworden. Dave, hervorragend von Tim Robbins gespielt, schleicht gebückt durchs Leben. Jimmy (Jean Penn) ist auf die schiefe Bahn gekommen, versucht aber nach einer Gefängnisstrafe als Geschäftsmann Fuß zu fassen. Doch dann wird seine hübsche Tochter ermordet aufgefunden, und er kennt nur noch einen Gedanken: Rache. Er läßt seine alten Unterwelt-Kumpane Ermittlungen anstellen. Sehr zum Ärger von Sean (Kevin Bacon), der inzwischen Detective im Bostoner Morddezernat geworden ist und gemeinsam mit dem nicht im irisch-amerikanischen Milieu verwurzelten farbigen Kollegen (Laurence Fishburne) den Fall lösen soll.
Es ist eine kleine düstere Welt, in der sich ein Drama der Verdächtigungen entwickelt. Verwandt, bekannt, ehemals oder immer noch befreundet: jeder kennt jeden und fühlt sich dementsprechend verpflichtet. Jimmy, vor lauter Aggressionen unfähig zur Trauer, wird von seiner Frau (Laura Linney) zur Gangsterkarriere angespornt. Wenn man will, kann man in »Mystic River« wie in vielen anderen Eastwood-Filmen auch eine hintergründige Gesellschaftskritik erkennen.
Das Drehbuch von Brian Helgeland nach einem Roman von Dennis Lehane ergreift für keine Figur Partei. Der unglückliche Dave ist die Ausnahme. Sein Schicksal bildet den tragischen Kern in diesem konventionellen Who-done-it-Krimi.

Claus Wecker