LAUDATIO zur 121. (und letzten) Folge der »Kaffeeblüten«.

Strandgut eben
Beiträge zur Erkundung des Alltagslebens
Von Felix Hofmann

1. Fact or Fiction

Ein Photograph, der eine Kaffeeblüte, eine biologisch echte, photographieren wollte, ging mehrmals in den Frankfurter Palmengarten und untersuchte den Kaffeebaum dort gründlich nach Blüten und Knospen ab, ohne jemals auch nur die kleinste Andeutung davon zu entdecken. Das Ding dachte einfach nicht daran zu blühen. Also schaute er in einem Pflanzenbuch nach, wie so eine Kaffeeblüte überhaupt aussieht. Dann pflückte er irgendeine Blume, die der Sache deutlich nahekam, eilte damit zu dem Kaffeebaum, befestigte sie mit Tesafilm zwischen den grünen Blättern und fing an, das Arrangement abzulichten. Während er sich auf seine Arbeit konzentrierte, spazierte eine Gruppe Touristen vorüber, und ihr Führer, aufmerksam gemacht durch das Herumhantieren des Photographen, lenkte die Blicke der Besucher ebenfalls auf die weiße Blüte und rief entzückt: »Da haben Sie aber Glück, meine Herrschaften! Es ist nämlich äußerst selten, daß ein Kaffeebaum in Gefangenschaft blüht.«

2. Stoff fürs Leben

Von Ingrid Mylo gibt es Hörspiele, Kurzgeschichten, Essays, Kinderbücher, Gedichte. Aber es bedeutet ihr, alles zusammen, nicht halb so viel wie die Kaffeeblüten, die in dieser Zeitschrift nun 10 Jahre und 1 Monat erschienen sind. Das sind 121 Folgen (= 11 x 11), und jeder Monat hatte 11 Einträge. Es gibt also genau 1331 Kaffeeblüten. Weitere wird es nicht geben. Sie erscheinen in dieser Ausgabe zum letzten Mal. Ich könnte sagen 'leider', aber das wäre kaum mehr als eine kleine Sentimentalität. Alles hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Leute, die immer nur den ersten Akt wiederholen, fallen irgendwann erschöpft von der Bühne.

(Sie war einmal Regie–Assistentin bei Fassbinder während dessen Zeit im TAT. Auch das etwas, was sie hinter sich ließ. Die Fassbinderei wurde später in Wort und Schrift zu einer Schnulze gemacht, mit abgenutzten, ungewaschenen Bettlaken behängt, und wird noch heute manchmal von diesem kunstvoll hindrapierten Gespenst heimgesucht, dem Gespenst der Verklärung.)

Anders gesagt: unerträglich sind die Leute im Publikum, die von den Rolling Stones nun schon seit dreißig Jahre verlangen, sie sollen 'Satisfaction' spielen. Dieses grandiose Stück Musik ist zu kostbar, um es durch stupide Wiederholung auszuleiern. Aber kostbare Momente darf man auch nicht der Allesfresserin Vergangenheit überlassen, und deshalb verspreche ich hier und jetzt, mich mit der Schriftstellerin zusammen darum zu bemühen, einen Verlag zu finden, groß genug und mutig genug, eine definitive Gesamtausgabe der Kaffeeblüten herauszubringen. (Eine Auswahl, das ist: aus den ersten 65 Folgen, gibt es schon seit einiger Zeit — ISBN 3–928172–35–2 — »Stoff fürs Leben« nannte die Süddeutsche Zeitung das Buch.)

3. mal seh’n

Von allen ihren Texten, Büchern, Spielen, sind in die Kaffeeblüten die schwersten Anstrengungen gegangen, an ihnen hängen die heftigsten Herzschläge und die härtesten Kraftproben mit dem eigenen unbarmherzigen Urteil. 'Strandcafé', 'Aufschwung', 'mal seh'n' - das sind die Orte, in denen es begann, reale Ort in Frankfurt am Main. Aber es ist klar, daß eine Kneipe mit angegliedertem Kino, die zusammen 'mal seh'n' heißen und neben einem Blindenheim sitzen, mehr sind als eine lokale Angelegenheit. Sie bilden eine eigenständige Galaxie aus geistigen Getränken und gemischten Gefühlen. (Ein Film, den wird dort sahen, hieß passenderweise 'Zwischen Himmel und Hölle'.) Das 'Strandcafé', das früher zum Universum der Kaffeeblüten gehörte, hat irgendwann dicht gemacht und alkoholfrei einige Zeit später neueröffnet. Die Freiheit vom Alkohol gehört nicht zum Universum der Kaffeeblüten. Deshalb verschwand der Name des Cafés irgendwann aus den Seiten. Im 'Aufschwung', der ein Fixstern war, bevor er verglühte, gab es kräfteerneuernde Bratkartoffeln, gemütskühlenden Apfelwein und sinneschärfenden Marillenobstler, mit denen man jeden Unsinn im Kopf bekämpfen - oder füttern und gießen - konnte, As You Like It. Kosmische Orte: jeder Gast eine Welt für sich, »the best of all possible worlds«, angefüllt mit absurden Unterhaltungen, schweren Heimsuchungen und einem bemerkenswerten Hang zum Selbstbetrug. Sie schwirrten umeinander mit üblen Hintergedanken, drolligen Gewohnheiten und angerosteten Wunschvorstellungen, diese Weltenbürger, und wollten doch nur eins, in ihren Verquältheiten bestätigt werden und schulterklopfende Kumpane finden.

4. Record

Die Schriftstellerin, die mit solchen Vorgaben hinschaute und zuhörte, hatte alle Hände voll zu tun. Beobachten, bedenken, beschreiben: lachen. Und ich- weil ich das Leben mit ihr teile (nein: vervielfache) - konnte das alles wie ein Tagebuch lesen. Nicht wie eins mit dem üblichen Selbstdarstellungsgetue. Hier stand nichts von: dann tat ich dies, dann passierte mir jenes, oder: schaut, was ich schon wieder gelernt habe, oder: schaut, wie schlecht die Welt zu mir ist… . Es war ein Tagebuch der Verarbeitung von Ereignissen und Ideen und Empfindungen, keine Beschwerde über das Leben sondern seine Aneignung durch scharfsinniges Aufspüren, einfühlsames Wahrnehmen und genaues Denken. Ich sah sie jeden Tag arbeiten, auf dem Boden, in einem Wust von Papieren, tief in die Texte eingewühlt, und für jeden Satz forderte sie Stunden um Stunden verschärften Nachdenkens, hartnäckigen Insistierens von sich, bis er vor ihren selbst hochgeschraubten Ansprüchen bestehen konnte.

Nach den ersten zwei, drei Jahren und ihren zwanzig, dreißig Folgen, die den Auftakt machten, verließ sie jenes Universum, um neues Gebiet zu erkunden. Dieses Neuland durchstreiften wir gemeinsam. Wir zogen unsere Kreise immer ein wenig weiter. Deutschland, England, Irland, Dänemark, Holland, Frankreich, Italien, Spanien. Streifzüge durch Landschaften, Leute, Straßen, Häuser, Kneipen, Werkstätten, Theater, Musikhallen, Lagerhäuser, Rumpelkammern, Gehirne, Ideen, Wünsche, Verzweiflungen, Dummheiten, Frechheiten, Gemeinheiten, Übermütigkeiten und mittenhinein in die zupackende, besitzergreifende, wetterfeste, unbesiegbare Liebe - Into The Purple Valley Of Romance And Adventure, wie eine der schönsten Platten von Ry Cooder beinahe heißt.

5. Play

Manche der Texte sind kondensierte Erzählungen, manche destillierte Essays. Die Sätze bilden Räume, in denen sich die Dinge ereignen, Räume mit klaren Koordinaten, zwischen denen nichts verlorengeht, und nichts wird in den Sand der Beliebigkeit gesetzt. In den Details, in der Genauigkeit, in den filigranen Formulierungen steckt die ganze Welt. Sätze, an denen man sich reiben muß, vielleicht sogar wundreiben, denn eine Literatur, die einem die eigene Denk– und Lebensweise schönredet, die ihr Publikum auf Gefälligkeits–Watte bettet oder zum Spazierenwaten in Harmonie–Biotopen mitnimmt, eine solche Literatur ist eine überflüssige Literatur, ebenso überflüssig wie alles, was mit Lösungen und Erlösungen aufwartet, in denen das Ende aller persönlichen und gesellschaftlichen Probleme versprochen wird, um den weichgeklopften Lesern schließlich nahezulegen, der neuen Offenbarungsgemeinschaft gefälligst vorbehaltlos beizutreten, allerdings gebührenpflichtig. In den Kaffeeblüten wird keine Zuflucht angeboten. Sie betrachten die Welt und ihre Bewohner nicht unter dem Blickwinkel der Therapiebedürftigkeit, sondern als Fundgrube des Lebens. Strandgut eben. Wer das Ungeziefer aus seinem Leben fernhalten will, sollte sich von Mottenkugeln ernähren, nicht von Literatur.

6. Demontage der Selbsttäuschung

Von hier ist es nicht mehr weit bis zu Townes Van Zandt. Auch er: ein Weltall für sich. Ein Mann aus Texas, der Gedichte schrieb und Lieder daraus machte. Er sagte, die meisten begeisterten Zuschriften bekommt er aus Nervenheilanstalten, aus Irrenhäusern. Vielleicht, weil das Verrücktwerden doch nicht aus allem heraushilft, vielleicht, weil er angegangen war, was ihnen nicht gelungen ist: die Demontage der Selbsttäuschung. Genau das, übrigens, hat man den Kaffeeblüten einige Male vorgeworfen. Sie würden den Leuten ihre Illusionen zertrümmern, und das sei doch wohl hartherzig und hoffärtig. Demgegenüber stehen einige treue Leser und Leserinnen, die dutzende Einträge auswendig können und sogar wissen, in welchem Jahr und welchem Heft genau sie erschienen sind.

Mir gefallen beide Lager, sie sind weniger voneinander entfernt, als sie denken, denn beide verwenden die Texte für ihre eigenen Zwecke, beide wenden die Texte auf sich selbst an. Nicht als Lebenshilfe, sondern als Dietrich, als illegalen Nachschlüssel, der die angstbesetzten und die blutverschmierten und die müllverseuchten und die leerstehenden Räume gleichermaßen aufschließt, um die einen aus- und die anderen einzuräumen, jedenfalls neu in Gebrauch zu nehmen. Das ist ein großes Kompliment für jeden, der schreibt. Nur die Literatur kann ein paar Jahrzehnte überleben, die in das viel zu oft verriegelte und verrammelte Universum des Privatlebens einzudringen vermag, durch welche Tür oder welches Sternentor auch immer. Beide, die liebevollen Anerkennungen und die heftigen Ablehnungen waren immer willkommen.

7. Deep Space Nine

Die »Kaffeeblüten«, fact or fiction, jedenfalls sind aufgegangen. Es folgt der »Teerstern«.

Von Ingrid Mylo erschien zuletzt ein Essay über Katherine Mansfield (Reihe 'apropos' im Verlag Neue Kritik, Frankfurt).
Von Felix Hofmann erschienen zuletzt Peter Lorre. Portrait des Schauspielers auf der Flucht (Verlag belleville, München) und Andalusische Ansichten (Verlag Jenior, Kassel).