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»Maixabel – Eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung« von Icíar Bollaín

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In diesem mit Filmpreisen in Spanien überhäuften Drama wird der ›fall out‹ des jahrzehntelangen ETA-Terrors auf indirekte Weise verdeutlicht: eine Witwe willigt ein, im Rahmen eines Täter-Opfer-Programms mit den Mördern ihres Mannes zu sprechen.
Was soll das bringen? Die komplizierte Anbahnung der Gespräche und die hochemotionalen individuellen Begegnungen stehen exemplarisch für eine traumatisierte Gesellschaft, deren Wunden noch lange nicht verheilt sind.

Würdest du es fertig bringen, mit dem Mörder deines Mannes ein Zwiegespräch führen? Würdest du freiwillig mit der Witwe des Mannes, den du ermordet hast, sprechen, ihr in die Augen schauen? In diesem spanischen Drama geht es nicht um das Nacherzählen der Chronik des EA-Terrors. Regisseurin Icíar Bollaín konzentriert sich stattdessen auf den Prozess der Anbahnung eines individuellen Dialogs – in dem, exemplarisch für die Gesellschaft, die durch Gewalt verursachte psychische Not von Hinterbliebenen der Opfer wie auch der Täter und ihrer Familien zu spüren sind.
Der Film beginnt im Jahre 2000, mit der kaltblütigen Erschießung des sozialistischen Ex-Gouverneurs Juan Maria Jauregui in einem Café in der Stadt Tolosa durch drei Attentäter. Dann sehen wir, wie Jaureguis Ehefrau Maixabel Lasa und ihre Tochter auf unterschiedliche Weise mit dem Verlust umgehen. Ein Zeitsprung führt uns ins Jahr 2010, in dem die Täter, zu lebenslang verurteilt, im Gefängnis schmoren und sich zum Großteil von der ETA abgewandt haben. Einer von ihnen will im Rahmen eines neu initiierten Opfer-Täter-Programms die Witwe treffen und sie um Vergebung bitten.
Maixabel ist Vorsitzende einer Einrichtung für Terroropfer – nicht nur der ETA. Sie willigt trotz scheeler Blicke ein, wohl wissend, dass sie wegen ihrer Bemühungen ebenfalls auf der Todesliste steht. Schließlich kommt noch einer, Ibon Etxezarreta, aus der Deckung, um mit Maixabel zu sprechen.
Dass dieses Drama in seiner Heimat die höchsten Filmpreise bekommen hat, zeigt, wie präsent der Albtraum ETA immer noch ist – obwohl die linksseparatistische Untergrundorganisation 2011 den Waffenstillstand erklärte. Den wohl nicht nur damals provozierenden Versuch eines Opfer-Täter-Ausgleichs hat Bollain zurückhaltend, fast wie auf Zehenspitzen, inszeniert: die Wunden sind noch frisch, die ETA-Mörder haben mancherorts nach wie vor Heldenstatus. Die erste, die das Wagnis einging, mit den Mördern zu sprechen, war Maixabel Lasa. Auf ihrem Bericht – und dem der Täter – fußt der Film.
Doch was soll das Reden überhaupt bringen? Die Täter, die an ihrer Schuld leiden und, indem sie sich der Witwe offenbaren, in ihre eigenen Abgründe blicken, die Fragen der Witwe nach dem Warum – all das ist ganz unpathetisch gespielt und erzeugt doch auf eine schwer bestimmbare Weise Gänsehaut. Sowohl Mörder wie Opfer werden von gesichtslosen Feinden zu Individuen. Indes ist für die Parteigänger der ETA gerade dieses sich gegenseitige, persönliche Erkennen der erste Schritt hin zum Verrat.
Besonders für unkundige Nichtspanier ist es aber bedauerlich, dass das Ausmaß des Hasses und der Gewalt nur nebenbei vermittelt wird. Unter den 857 Opfern waren viele Basken, die kein Schutzgeld zahlen wollten, den Terror nicht guthießen, oder die, wie der ermordete Jarregui, ein ehemaliger ETA-Anhänger, für Versöhnung eintraten. Der Krieg der ETA war auch ein Bruderkrieg. Und in einer Familie hasst man sich bekanntlich am heftigsten.

Birgit Roschy (Foto: © Piffl Medien)

MAIXABEL – EINE GESCHICHTE VON LIEBE, ZORN UND HOFFNUNG
von Icíar Bollaín, E 2021, 115 Min.
mit Blanca Portillo, Luis Tosar, María Cerezuela, Urko Olazabal, Tamara Canosa, María Jesús Hoyos
Drama / Start: 26.05.2022

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