Strandgut – Das Kulturmagazin für Frankfurt und Rhein-Main

»France« von Bruno Dumont

fr FRANCE 2020

Ihr Name ist Programm. France ist eine populäre Fernsehjournalistin, die jeder kennt in Frankreich. Ob als Moderatorin im Fernsehstudio oder als Kriegsreporterin mit Helm und Schutzweste, die hübsche France ist oft im Fernsehen zu sehen. Aber ein Film mit diesem Titel ist natürlich auch ein Film über Frankreich und über das, was aus diesem Land im Medienzeitalter geworden ist.

Da zählt, um bekannt und angesehen zu sein, die Anzahl der Follower. Aufmerksamkeit erhält nicht, wer sich durch eine besondere intellektuelle Leistung hervorgetan hat. (Wer nennt die Namen der letzten Nobel-Preisträger?) Angesagt ist, wer gut aussieht und sich im Fernsehen oder auf YouTube gut verkaufen kann. Insofern ist Léa Seydoux auch eine ausgezeichnete Wahl für die Titelrolle. Sie hat schon in größeren amerikanischen Produktionen wie »Mission Impossible – Phantom Protokoll«, »James Bond – Spectre« oder in Woody Allens »Midnight in Paris« auf sich aufmerksam gemacht.
Seydoux bietet mit ihrem puppenhaft geschminkten Gesicht eine ideale Projektionsfläche für die Bewunderer, von denen sie in diesem Film umgeben ist. Allen voran ihre Assistentin und Produzentin Lou (Blanche Gardin), die sich vor Begeisterung nicht halten kann und jeden Satz, den France von sich gibt, in der Originalfassung mit »génial«, »superb« oder ähnlichem kommentiert.
Ein Glanzstück des Films ist eine aus grandios eingefügtem Archivmaterial zusammengeschnittene Pressekonferenz, in der France Präsident Emmanuel Macron herausfordernd befragt. Dass er bei der Produktion des Films nicht mitgewirkt hat, ist ausdrücklich im Nachspann vermerkt.
Bei ihren Einsätzen in der Sahel-Zone und auf einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer, gibt France Betroffenheitskommentare ab. Sie macht »authentisches Fernsehen«, bei dem es nur um die Befindlichkeit der Beteiligten geht. Politische Hintergrundinformationen, wie wir sie etwa von einer Antonia Rados kennen, sind ihre Sache nicht.
Um seine Protagonistin zu demontieren, lässt Regisseur und Drehbuchautor Bruno Dumont eine Reihe von Missgeschicken, Unfällen und schließlich einen schweren Schicksalsschlag auf sie niedergehen. Zuerst fährt sie einen jungen Mann (Jaead Zemmar) auf einem Motorroller so heftig an, dass er ins Krankenhaus kommt. Der Unfall wird natürlich von der Boulevardpresse genüsslich ausgekostet, sodass sich die Täterin plötzlich als Opfer sieht. Auf einmal wird sie, die jede Schwäche der anderen ausgenutzt hat, eine Geächtete in der Medienwelt.
Die schuldbewusste France versucht mit einer großzügigen Spende für die eingewanderten Eltern des angefahrenen Kuriers ihre Schuld wiedergutzumachen. Und bekommt sofort Vorwürfe von ihrem Mann Frédéric (Benjamin Biolay) zu hören. Die Ehe und die Bindung zu ihrem zehnjährigen Sohn Joseph (Gaëtan Amiel) haben ohnehin unter ihrer häufigen Abwesenheit gelitten, und Frédéric sieht sich als nur mäßg erfolgreicher Buchautor im Schatten seiner populären Ehefrau stehen.
France verabschiedet sich schließlich von den Bildschirmen der Nation und gönnt sich einen Erholungsaufenthalt in einem Sanatorium hoch oben in den Alpen. Dort gibt sich ein Kollege aus der Boulevardpresse als ruhesuchender Lateinlehrer aus. Charles Castro (Emmanuele Arioli) täuscht eine Liebelei vor, um einen Hintergrundbericht zu veröffentlichen. Als sie zufällig davon erfährt, ist dies der nächste Schock für France. Sie entscheidet sich für einen beruflichen Neustart.
Regisseur Bruno Dumont hat mit »Humanität« und »Flandern« ziemlich hoffnungslos auf seine Heimat im Norden Frankreichs und dem angrenzenden Belgien geschaut. Dafür ist er als bedeutender französischer Regisseur vor allem unter Kritikern, weniger beim Kinopublikum bekannt geworden. In seiner Groteske »Die feine Gesellschaft« hat er einen lockeren, humoristischen Ton angeschlagen. »France« ist gewissermaßen in der Mitte zwischen den beiden Polen angesiedelt. Es gibt klar erkennbar satirische Momente in diesem Film. Etwa wenn bei einem Bankett ein Gast ein Loblied auf den humanen Kapitalismus anstimmt (»Kapitalismus bedeutet, sich den Mitmenschen zu schenken.«) oder wenn durch nachlässige Tontechnik ein Dialog im Studio gesendet wird, der die zweifelhafte Rolle der Starreporterin bei der gezeigten »Dokumentation« aufdeckt. Andererseits kehrt Dumont auch zu der ernsten Stimmung von »Humanität« zurück, wenn France eine Frau interviewt, die zwanzig Jahre ahnungslos »mit einem Monster« verheiratet war, das verdächtigt wird, ein kleines Mädchen umgebracht zu haben. Die Balance versucht der Regisseur durch seinen gewohnt distanzierten Stil zu halten, und ich meine, dass ihm dies gelungen ist.

Claus Wecker / Foto: © 3B Productions

FRANCE
von Bruno Dumont, F/D/B/I 2021, 130 Min.
mit Léa Seydoux, Blanche Gardin, Benjamin Biolay, Juliane Köhler, Emanuele Arioli, Gaëtan Amiel
Tragikomödie / Start: 09.06.2022

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