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»Crimes of the Future« von David Cronenberg

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Das Andechser Gefühl ist das Gefühl, »dass wir nicht alleine sind«. Das Cronenberg-Gefühl ist das Gegenteil. Es ist eine latente Panikattacke, die spürbar wird, wenn wir bemerken, dass wir in einem zerfallenden Körper stecken, der Dinge tut, über die wir nicht so genau nachdenken möchten. Nach dem Meisterwerk »eXistenZ« von 1999 hat der Kanadier diese ambivalente Empfindung aus dem Blick verloren. Mit »Tödliche Versprechen«, »Eine dunkle Begierde« und der enttäuschenden DeLillo-Adaption »Cosmopolis« wurde Cronenberg konventioneller.

Wohl nicht zufällig greift er mit »Crimes of the Future« auf den Titel eines Experimentalfilms von 1970 zurück. In dieser Phase, die bis zu seinem gynäkologischen Horrortrip »Dead Ringers« reichte, variierte Cronenberg verstörende Körperbilder an der Grenze zwischen psychoanalytischer Präzision und derbem Trash.
An diese Phase anknüpfend, beginnt sein neuer Film mit einem Paukenschlag. Eine Mutter ermahnt ihren am Strand spielenden Sohn. Er solle nicht alles, was er findet, aufessen. Doch dann sitzt er unter dem Badezimmer-Waschbecken und isst einen Plastik-Mülleimer auf. Wenig später erstickt die Mutter ihn mit dem Kissen.
Die beklemmende Szene gibt einen für Cronenberg typischen elliptischen Vorblick. Zunächst zentriert sich die Geschichte um ein Künstlerpaar, verkörpert von Viggo Mortensen und der Französin Léa Seydoux. Deren angesagte Performances erkunden abseitige Körpergenüsse wie man sie nur von Cronenberg kennt. Mit einem robotergestützten Chirurgie-System lässt Saul Tenser sich von seiner Partnerin coram publico live vivisezieren. Möglich ist das, weil in dieser nahen Zukunft Menschen aufgrund des »Accelerated Evolution Syndrome«, dem »beschleunigten Evolutionssyndrom«, von Schmerzen und Krankheiten gefeit sind. Wie in seinem Debüt-Langfilm »Shivers« produziert der Körper nun fortlaufend »neues Fleisch« – das Saul Tenser sich live herausschneiden lässt: Chirurgie, so die typische Cronenberg-Pointe, ist der neue Sex.
Das Konzept mutet an wie ein Mosaik aus früheren Filmen des Kanadiers. Der praktische Reißverschluss, den Viggo Mortensen sich in die Bauchdecke einnähen lässt, erinnert an »Videodrome«. Auch die Schlüsselfigur des zwielichtige Lang Dotrice (Scott Speedman) verkörpert eine aus dem Cronenberg-Universum bestens bekannte Mad-Scientist-Figur – wie etwa Elias Koteas, der Unfall-Guru in »Crash«. Dotrice, der Vater jenes Jungen, den die Mutter zu Beginn erstickte, unterbreitet dem Künstler Saul Tenser ein morbides Angebot, auf das dieser eingeht. Vor den Augen des voyeuristischen Publikums seziert der Performancekünstler die Leiche von Dotrices Sohn.
Wie fühlt sich eine Welt an, in der Tabubrüche dieser Art der letzte Schrei sind? Diese Empfindung dekliniert Cronenberg auf seine Weise durch. Der altmodische Sex, so zeigt eine Szene, in der eine Beamtin der Organ-Registrierungsbehörde (Kristen Stewart) den angesagten Künstler Tenser nach allen Regeln der Kunst anzumachen versucht, ist zum eigentlichen Horror geworden: Willkommen bei David Cronenberg.
»Crimes of the Future« visualisiert die Phantasie einer Zukunft, in der Menschen sich aus ökologischen Gründen nicht mehr fortpflanzen. Ein Seitenhieb auf jene »transhumanistischen« Ideen, die in letzter Zeit populärer wurden. Die hybride Verschmelzung zwischen Mensch und Technologie war ohnehin das Generalthema des Kanadiers.
Cronenberg wäre nicht Cronenberg, würde er nicht die Abgründe dieses Transhumanismus spürbar machen. Denn in dieser morbiden Zukunft, in welcher der Wirtschaftskreislauf quasi zum Erliegen gekommen ist, dreht sich alles nur noch um eines: dem Körper skurrile Formen des Genusses abzunötigen.
Den ultimativen Kick in dieser düsteren, schmutzigen, retrofuturistischen Zukunft, die in einem morbiden Zerfall begriffen ist, verspricht der von Lang Dotrice entwickelte Schokoriegel aus verzehrbarem Plastik. Das eindrucksvolle Schlussbild zeigt Viggo Mortensen in einer seltsam organisch-mechanischen Fütterungsapparatur, die aus dem Fundus von »Naked Lunch« stammen könnte. In Erwartung des totalen Genusses beißt er mit viel sagendem Grinsen in den Kunststoff-Schokoriegel: ein Rückverweis auf das verstörende Bild, in dem das Kind den Plastik-Mülleimer futterte.
Mit dieser bitterbösen Vision einer asexuellen Zukunft, in der Menschen zu oralfixierten Genuss-Zombies geworden sind, hat Cronenberg sich neu erfunden. Spektakulär ist der Film jedoch nicht. Trotz unappetitlichen Ekel- und Schockeffekten ist »Crimes of the Future« ein meditativ anmutender Body-Horrorfilm, der vielleicht ein wenig dialoglastig ist. Aber als 79-Jähriger muss Cronenberg nicht mehr wie in »Scanners« einen Schädel detonieren lassen. Sein eher selbstironischer Film erzeugt eine emotionale Implosion. Und die geht unter die Haut. Buchstäblich.

Manfred Riepe / Foto: © 2022 SPF (Crimes) Productions Inc. & Argonauts Crimes Productions S.A., Photo Credit Nikos Nikolopoulos
CRIMES OF THE FUTURE
von David Cronenberg, CDN/F/GR/GB 2022, 108 Min.
mit Viggo Mortensen, Léa Seydoux, Kristen Stewar, Scott Speedman, Lihi Kornowski, Tanaya Beatty
Science-Fiction-Drama
Start: 10.11.2022
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