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Das Historische Museum Frankfurt zeigt »Stadt-Blicke. Eine subjektive Frankfurt-Kartographie«

ausstellungen hmf Stadt Blicke 2c Leonore Poth Baustelle Allerheiligenviertel

Man lernt nicht aus, schon gar nicht im Museum. Im Historischen Museum Frankfurt kann man jetzt erfahren, was ein »urban sketcher« ist – so man zu den Unwissenden gehört, wie der Chronist. Der Begriff umschreibt Menschen, die sich auf das Zeichnen von Stadtskizzen verstehen – sogar über alle Gendergrenzen hinweg. 2007 wurde das Urban Sketching als Bewegung ins Leben gerufen in Seattle, es gibt weltweite Treffen und Verabredungen, ein Manifest und seit 2012 sogar eine Frankfurter Dépendance, die nun ganz wesentlich dazu beigetragen hat, die neue Ausstellung des Stadtlabors im Historischen Museum Frankfurt zu realisieren: »Stadt-Blicke. Eine subjektive Frankfurt-Kartographie«.
Bleiben wir noch ein wenig bei ihnen, zeigen doch die Frankfurter Skizzenzeichner und Skizzenzeichnerinnen an einer der insgesamt 36 Stationen, was es mit ihrer Leidenschaft so auf sich hat. Die Gruppe hat sich in der Bolangorostraße von Frankfurt Höchst verabredet und stellt nun auf drei- bis vier Dutzend ensemble präsentierten Zeichnungen besagte Stadt-Blicke aus jeweils individuellen Perspektiven dar. Das Spektrum einer Straße, eines ganzen Viertels verdichtet sich eindrucksvoll.
Das große Anliegen des Stadtmuseums ist es, in dieser Schau den permanenten Wandel Frankfurts aus der subjektiven Warte seiner Bewohner zu dokumentieren. Ein Anliegen, das sich keineswegs auf das aktuelle Stadtbild beschränken soll und vom 13. November an im Hauptteil des Museums mit der Ausstellung »Alles verschwindet« von den Zeichnungen des Frankfurter Malers Carl Theodor Reiffenstein (1820–1893) auch auf das 19. Jahrhundert ausgeweitet wird. Der Wandel Frankfurts nach den verheerenden Zerstörungen des Krieges und noch verheerenderen seiner Zurichtung zur autogerechten und wohl einzigen amerikanischen Stadt Deutschlands bleibt hier thematisch zwar außen vor, lässt sich aber in vielen der hier vorgestellten Werke spüren. Dass es manche Ikone des Städtebaus der Nachkriegsjahre längst nicht mehr gibt in Frankfurt, hat das Historische Museum selbst erfahren, dessen 1972 eröffneter baulicher Vorgänger nach 39 Jahren wieder verschwand. Die Station »Die Turmsache« des biographisch arbeitenden Frankfurter Künstlers Selbermann ruft auch ein paar andere Verblichene in Erinnerung wie das Züricher Hochhaus oder den AFE-Turm.
»Stadt-Blicke« ist eine immens kleinteilige Schau mit mehr als 500 Bildern und Karten von Kindern, Jugendlichen, Grafikern, Architekten und Künstlern, die an 36 aus hochgestellten Bauzäunen bestehenden Stationen gezeigt werden. Eine schöne passende Idee, die Besucher zu Zaungästen der sich meist in städtischen Fixpunkten manifestierenden Veränderungen macht. Leonore Poth etwa hält die brachialen Veränderung an der Baustelle Allerheiligentor fest, Haiko Spittel betrachtet die Kaiserlei-Brücke im Lichte realutopischer Möglichkeiten, ganz ähnlich verfahren Kinder, Senioren und Erwachsene eines Nachbarschaftsprojekts in Ginnheim mit der Rosa-Luxemburg-Brücke. Eine zeichnerische Vision hält die Brückenstraße ohne Parkplätze fest, andere gehen auf Bänke, Brunnen oder Wasserhäuschen. Mit immer anderen Augen sehen wird die Hauptwache, das Bahnhofsviertel, die Frankfurter Parks, den Eisernen Steg, Schülerlieblingsplätze oder auch den je eigenen Schulweg. Zwei noch, von vielen anderen: Eine aus Gesprächen entwickelte Collage des Forschungsprojekts DRUSEC (Drugs And Urban Security) zeigt, wie sich Drogensüchtige ein lebbares Frankfurt vorstellen. »Act Now – Dystopia or Not!« lautet der Weckruf von Dobroslawa Robinsky: Ihre Bilder vom brennenden Stadtwald, einstürzenden Bauten, dem geflutete Bahnhofsviertel und dem ausgetrockneten Main lässt die Urban Sketcherin von Ufo-Besatzungen kommentieren, die sich verwundert fragen, wieso die Menschen das zugelassen haben.
Bilder von Frankfurt mit dem Zeichenstift lassen eine Kartographie der Stadt entstehen, die auf zwar subjektivem, aber eben auch auf präzisem Hinsehen beruht – ganz im Gegensatz zum modernen Fotografieren mit dem Smartphone. »Man hat den Eindruck, dass die meisten Menschen fotografieren, weil sie keine Zeit zum Hinschauen haben; beim Zeichnen geht das gewiss nicht«, bemerkte Jan Gerchow bei der Vorstellung dieses von Katharina Böttgr und Susanne Gessner großartig kuratierten Projekts voller Überraschungen.

Lorenz Gatt / Foto: Stadt-Blicke: Leonore Poth, Baustelle Allerheiligenviertel
Bis 10. April 2023: Di. bis So. 11–18 Uhr
historisches-museum-frankfurt.de
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