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Das Museum Wiesbaden folgt mit einer Retrospektive den Spuren des ganzen Nay

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Ernst Wilhelm Nay ist 1902 in Berlin geboren und ging seine künstlerische Karriere erst Mitte der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts an. Eine abgebrochene Buchhändlerlehre und autodidaktische Arbeiten gingen dem voraus. Berühmt, gar zur Ikone, wurde Nay aber erst durch seine vom figürlichen Expressionismus zur Abstraktion übergehenden Arbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Museum Wiesbaden stellt in einer rund 100 Gemälde umfassenden Retrospektive erstmals das gesamte Spektrum seines künstlerischen Schaffens vor. Und es demonstriert, dass es zwischen dem frühen Nay und dem späten Nay bisher wenig beachtete enge Verbindungen gibt.
Überdies ist es die erste deutsche Nay-Retrospektive überhaupt, die das Wiesbadener Haus nun in einer Koproduktion seinem Publikum präsentiert. Zu sehen war das mit der Kunsthalle Hamburg und dem Duisburger Museum Küppersmühle konzipierte Wanderprojekt bereits in der Hansestadt. Abweichend von dieser wird in Wiesbaden die besondere Beziehung Nays zur Rhein-Main-Region herausgestellt. Mit gutem Grund: Nay, der als Wehrmachtskartograf in Frankreich in Gefangenschaft geriet, siedelte nach seiner Entlassung im Sommer 1945 für ein halbes Jahrzehnt in das Taunusstädtchen Hofheim – in das verwaiste Atelier der kürzlich im Städel gewürdigten Ottilie W. Roederstein. Wegbereiterin, enge Freundin und wichtigster Kontakt dabei war für ihn dabei die Kunstmäzenin Hanna Bekker vom Rath. Aber auch der Leiter des Museums Wiesbadens, Clemens Weiler, sicherte seinem Haus schon früh erste Werke Nays. In der gepflegten Rivalität zu den Kunsttempeln Frankfurts und Darmstadts ist das Museum Wiesbaden gerade darauf besonders stolz und widmet diesem Kapitel einen eigenen Raum.
Der Bilderparcours ist über zwölf Räume chronologisch angelegt und demonstriert auf dem Weg von den Fischer- (1930) und Lofoten-Bildern (1937/8) hin zu seinen Hekate-Bildern (1945–1948) die allmähliche Abwendung von der figurativen Malerei zu der sich in Farben und Formen ergießenden Abstraktion. Immer wieder durch Arbeiten aus anderen Phasen unterbrochen, wird zugleich das Kontinuum von Bildmotiven verfolgt, die wiederkehrende Platzierung von Punkten, Kreisen und Augen. Selbst das älteste von Nay erhaltene Bild, ein Selbstportrait aus dem Jahr 1922, weist in den auffälligen Mandelaugen dieses Signum aus. Es ist gewiss kein aufgesetzter Gedanke, in allem blickdurchwirktem Farbenrauschen späterer Phasen den Künstler selbst gewärtig zu sehen.
Die politische Gretchenfrage drängt sich freilich auch in dieser Ausstellung auf. Zwei seiner Arbeiten wurden als entartete Kunst ausgestellt, zehn haben die Nazis aus Museen entfernt und den Künstler zeitweilig mit Ausstellungsverbot belegt. Widerständig war Nay indes zu keiner Zeit, als Mitglied der Reichskammer wurde er materiell unterstützt und auch sein in den Lofoten-Bildern gipfelnder Gastaufenthalt bei Edvard Munch in Norwegen blieb völlig unbeanstandet. Indes gibt es auch keinerlei Hinweise darauf, dass Nay sich dem NS-Staat ideologisch angedient hätte. Ohnehin scheint Nays sich in puristischen Farben und Formen ausdrückender Blick auf die Entitäten des Seins völlig unberührt von den Geschehnissen in den gesellschaftlichen Niederungen.
Gleichwohl pocht diese Retrospektive manifest auf die Inhalte in Nays großem Werk, dem in den politischen Aufbruchsjahren der 60er/70er das Etikett einer bloß dekorativen Kunst angeheftet wurde. Durch die Hinzuziehung seines Frühwerks, das den Menschen nicht der Kultur, sondern der Natur zugehörig ausweist, lassen sich durch das gesamte Werk Bezüge knüpfen, die den ganzen Nay ausmachen.

Lorenz Gatt / Bild: Nr. 8: Frau mit Tieren, © Foto: Ketterer Kunst
Bis 5. Februar 2023: Di., Do., 10–20 Uhr; Mi., Fr., 10–17 Uhr; Sa., So., 10–18 Uhr
www.museum-wiesbaden.de
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