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In der Ausstellung »Vor Dürer« entwickelt sich der Kupferstich zur Kunst

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Gute Augen, eine Brille womöglich, und viel Zeit sind erforderlich, will man mit Erfolg die 130 aus der hauseigenen Sammlung vorgestellten Kupferstiche aus der Zeit »Vor Dürer« im Städel Museum betrachten und genießen. Gleich am Eingang des leicht abgedunkelten Raums werden die Grundmaterialien gezeigt: Eine beleuchtete glatte unbearbeitete Kupferplatte als Ausgangsbasis für das kunstvolle Handwerk der Goldschmiede und Graveure, sowie ein spitzer scharfer Stichel, das Werkzeug, mit dem Linien in das im Vergleich zu Silber oder Gold sehr weiche Material geritzt werden.
Der so produzierte Kupferstich gehört mit zu den ältesten Techniken des europäischen Buchdrucks. Man nennt es auch Tiefdruckverfahren, denn auf der Platte wird die Farbe aufgetragen, anschließen gründlich abgewischt, sodass sie sich nur noch in den Tiefen der eingestochenen Ritzen befindet. Anschließen wird über die Platte mit großem Druck Papier gewalzt, auf dem die Farbe das ausgestochene Muster abbildet. Anders als beim Holzschnitt (oder den auch in Schulen noch oft hergestellten Linolschnitten), ist also nicht die übrig gebliebene Figur bildgebend, sondern die Linien und Striche des Weggeschnittenen. Flächig wirkende Stellen entstehen durch winzige filigran nebeneinander gesetzte Stichlinien.
Im Gegensatz zum Holzschnitt, der das bildgebende Motiv plastisch stehen lässt, können so von einer Platte wesentlich mehr Abzüge gemacht werden. Eine neue schwarzweiße Bilderwelt entstand so. Und Dürer konnte sich später in seiner Nürnberger Werkstatt Ende des 15. Jahrhunderts auf eine bereits entwickelte Tradition beziehen.
Der Kupferstich etablierte sich als ein eigenständiges Gewerbe in den Werkstätten von Goldschmieden oder auch Malern, eben auch schon vor Dürer. Sie signierten ähnlich wie dieser mit den Initialen ihres Namens. So der Meister ES, vermutlich der erste »professionelle« Kupferstecher, als Goldschmied 1450–1467 am Oberrhein ausgebildet, wie auch die Meister BM aus Süddeutschland, Meister AG vom Oberrhein und Franken, Meister BR mit dem Anker, der sogenannten »Hausbuchmeister« und andere mehr.
Der bekannteste unter diesen, der auch den jungen Dürer beeindruckte, ist wohl Martin Schongauer (1448–1491) aus Colmar. Von ihm stammt einer der größten bildmäßigen Kupferstiche des 15.Jahrhunderts, »Die große Kreuztragung« (286 × 428 mm). Und als Erster verwendet er ein einheitliches Monogramm als Signatur (M+S). Schongauers unglaublich beeindruckende und auch möglicherweise angsteinflößende Darstellung des »Heiligen Antonius von Dämonen gepeinigt« – ein Ausschnitt daraus ziert den wunderbaren Katalog – kann es mit heutigen Gruselbildern durchaus aufnehmen. Israhel van Meckenem aus Bonn widmet sich mit seinen »Szenen aus dem Alltagsleben«, unter anderem positiven und negativen Seiten von Paarbeziehungen. Am hinteren Ende der Ausstellung dann aber doch auch zehn Stiche des titelgebenden Meisters Dürer, unter anderem eine Roma-Familie. Adam und Eva im Paradies, den tödlichen Apfel schon in der Hand, von körperlichem Leben strotzend, doch auch hier alles gestrichelt (!), als Abschluss. »Der Kupferstich ist im Grunde eine abstrakte Kunst. Die Künstler übertragen die Realität in ein Muster der Striche. Wir sehen dann die Realität. Und das ist das Wunder«, sagt der scheidende Kurator Martin Sonnabend. Wir glauben ihm aufs Wort – bis 22. Januar2023 unbedingt nachzuvollziehen!

Katrin Swoboda / Foto: Israhel van Meckenem: Kampf, © Foto: Städel Museum

Bis 22. Januar:2023: Di., Mi., Fr.–So., 10–18 Uhr; Do., 10–21 Uhr
www.staedelmuseum.de

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