Kellertheater zeigt Lutz Hübners Parodie »Gretchen 89ff«

Gewöhnlich demonstrieren in der Bühnen-Persiflage »Gretchen 89ff« von Lutz Hübner ein Schauspieler und eine Schauspielerin ihre Vielseitigkeit und ihre Verwandlungsfähigkeit. Präsentieren dem Publikum die Archetypen des Theaterlebens: den Draufgänger und die Diva, den Freudianer und die Rampensau, den Revolutionär und Schauspielerin an sich. In zehn losen Szenen spielen sie immer wieder neue Varianten der Begegnung eines Faust-Regisseurs mit der Figur des Gretchens durch. Und streiten sich in der Bewertung der Szene mit dem Kästchen auf Seite 89ff im Reclam-Heft, welches das Mephisto-Opfer zuhause vorfindet. (Das Kästchen natürlich.) Geht es um die nackte Lust oder das subtile Begehren? Um Unterdrückung oder Konsum? Oder kann man das auch streichen? Eine gnadenlose Parade, die keine Peinlichkeit scheut, ist angesagt, ganz unabhängig davon, auf wen sich der Regiefokus richtet – auch im Kellertheater.
Allerdings setzt die Frankfurter Amateurbühne dafür ihr komplettes 15-köpfiges Ensemble ein. Mehr noch: Jede der zehn Szenen folgt einer eignen Regie. Was so gar nicht nach Corona-Bedingungen klingt, folgt indes genau den Vorgaben, ließ sich das kleinteilige Format bei den Proben doch wunderbar auf separate Produktionsteams verteilen. Das so entstandene Bühnen-Patchwork entspricht genau der Botschaft des Stücks und ist im Grunde eine Hommage an das Theater: Was auf der Bühne geschieht, löst sich mir nichts dir nichts durch das Spiel von der Textvorlage, die uns übrigens beim Platznehmen in einer Endlosschleife vorgetragen wird. Und zum Lachen ist das skurrile, aber auch hintergründige Szenenpuzzle von 1997 auch.
Auch zum Schreien, wenn Doris Enders als regieüberdrüssige Regisseurin dem immer ratloser blickenden Gretchen von Daniela Vollhardt mit einem »Ach, brauchen wir das denn?« erst das Lied vom König von Thule, dann sogar das Kästchen und letztlich gar den kompletten Auftritt streicht. Wenn Martin Sonnabends Regisseur (s. Foto)sich mit wachsender Begeisterung beherrscht ob der inbrünstigen Einfälle seiner Schauspielschulabsolventin (Ladislava Biondi). Wenn Brigitte Korns gnadenlose Diva die Jungregisseurin Antje Kania schulmeistert. Oder wenn Andreas Müllers Schmerzensmann von Jasmin Hörning verlangt, ihr Gretchen fleischlich zu denken. Und, und, und! Dass uns der übergriffige Freudianer (Christian Brost/Vera Bernhardt) heute eher ein wenig befremdet, zeigt wie schnell auch neuere Stücke Patina ansetzen können. Schlag auf Schlag, mit Pause – gute Unterhaltung mit Anflügen von Kabarett. So schmierig schnell fliegt selten ein Abend im Theater vorbei.

Winnie Geipert, Foto: © Anja Kühn

Termine: 25., 26. September, 20.30 Uhr; 27. September, 18 Uhr
www.kellertheater-frankfurt.de

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