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»Kinder der Hoffnung« von Yael Reuveny

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Von Israel und seinen Nachbarn ist oft die Rede, in TV-Nachrichten und Zeitungen. Seltener sind da schon die Berichte über den Alltag in Israel, wie man unter einer potentiellen und manchmal auch sehr realen Bedrohung einen ganz normalen Alltag erlebt. Oder ist der Alltag vielleicht doch nicht ganz so normal? Die 1980 in Israel geborene Yael Reuveny hat sich an einer filmischen Bestandsaufnahme versucht.

Die Regisseurin hat vor 15 Jahren ihre Heimat verlassen. Dieser Satz ist leicht hingeschrieben, aber um wie viel schwerer war dessen Ausführung. Denn wer als gebürtiger Israeli das Land verlässt, bricht ein Versprechen. Dies wird schon nach kurzer Zeit klar, wenn man die Dokumentation »Kinder der Hoffnung« sieht.
Die kleine Yael ist eines von 32 Kindern einer israelischen Schulklasse, die sich 1988 für ein Gruppenfoto versammelt hat. Aus alten Dokumentaraufnahmen erfahren wir, dass die Kinder schon früh, etwa in Liedern, auf den Aufbau des Landes, das ewig bestehen soll, eingeschworen werden. Und die privaten Super-8-Aufnahmen geben dem Ganzen einen optimistischen Ton.
Natürlich wissen alle, die hier zu sehen sind, dass ihr Land von Feinden umgeben ist, aber eine Einigung mit den Palästinensern scheint möglich. Sie sind Kinder der Hoffnung.
Heute ist die Hoffnung auf einen baldigen Frieden erloschen. Das geht aus den Äußerungen der ehemaligen Klassenkameradinnen und -kameraden hervor, die in Israel geblieben sind und von ihrer einstigen Mitschülerin aufgesucht werden. Alle haben sich in der unsicheren Lage eingerichtet, und ihre Probleme gleichen denen der deutschen Mittelschicht zum Verwechseln. Kinder müssen zur Schule gebracht oder von dort abgeholt werden, es gibt gute und schlechte Ehetage, eine aufgetakelte Frau erzählt von ihren Schwierigkeiten, einen Mann zu finden.
Aber dann gibt es auch Besonderheiten. Eine Maklerin zeigt bei der Besichtigung einer Eigentumswohnung im Hochhaus den Save Room, der vor Raketen schützen soll, ein junger Mann erinnert sich lieber nicht an manche Situationen, die er bei seinem Wehrdienst erlebt hat.
Zusammengefasst ist das Gefühl, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein, nicht mehr so stark wie früher. Der Gedanke auszuwandern ist nicht nur der Filmemacherin gekommen. Eine Frau, die bislang geblieben ist, bald wird in die USA gehen. Bei ihr entwickelt sich bereits in Israel das Gefühl des Verlustes, das Reuveny in Berlin immer wieder empfindet.
Bei allen Äußerungen, die Reuveny in ihrer Heimat gesammelt hat, bleibt allerdings offen, ob das aktuelle Lebensgefühl ein Ergebnis des 4. Novembers 1995 ist, als der verständigungswillige Ministerpräsident Jitzchak Rabin ermordet wurde, oder ob es vielleicht das Ergebnis einer stärkeren Individualisierung in unsere Zeit ist. »Kinder der Hoffnung«, dieser Film zwischen Selbstreflexion und Information, gibt uns ein tieferes Verständnis für die Befindlichkeiten der Bewohner Israels und derjenigen, die es einmal gewesen sind.

Claus Wecker

KINDER DER HOFFNUNG
von Yael Reuveny, D/Israel 220, 84 Min.
Dokumentarfilm
Start: 4.11.2021

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