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»Meinen Hass bekommt ihr nicht« von Kilian Riedhof

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Es war ein Abend, der Paris, Frankreich, ja ganz Europa erschütterte. Am 13. November 2015 fanden 130 Menschen bei mehreren islamistischen Anschlägen den Tod. Sieben Jahre später werden gleich drei Filme zu diesem traumatischen Ereignis veröffentlicht. Nach dem Polizei-Thriller »November« kommt nun mit »Meinen Hass bekommt ihr nicht« ein Film in die hiesigen Kinos, der sich mit den Auswirkungen auf die Betroffenen beschäftigt. Ein Film, der vom Verlust eines geliebten Menschen, von Trauer und dem Versuch handelt, diesen Verlust irgendwie zu bewältigen.

Antoine Leiris (Pierre Deladonchamps) und seine Frau Hélène (Camélia Jordana) sind ein liebevolles Paar mit den üblichen kleinen Unstimmigkeiten. Es gibt einen Streit über den Urlaubstermin, ihr Sohn, der 17 Monate alte Melvil, fordert ihre Aufmerksamkeit. Zu sehen sind Szenen einer gut situierten, intakten Kleinfamilie im noblen Pariser Altbau.
An dem besagten Abend will Hélène mit Bruno (Yannuk Choirat), einem gemeinsamen Freund der Eheleute, das Rock-Konzert der Eagles of Death Metal im Club Le Bataclan besuchen. Beim Abschied wird gescherzt, Antoine wirft den vergessenen Autoschlüssel aus dem Fenster auf die Straße hinunter. Er bleibt bei Melvil zurück.
Die erste SMS mit der Frage, ob alles ok sei, leitet auf Antoines Smartphone eine Flut von Mitteilungen ein. Und als Antoine den Fernseher mit der Übertragung des Fußballspiels Frankreich gegen Deutschland einschaltet und dort über die Anschläge berichtet wird, überwältigt ihn die Angst um seine Frau.
Telefonisch erreicht er den verletzten, verstörten Bruno, der nur weiß, dass Hélène im Krankenwagen abtransportiert worden ist. Darauf klappert er mit seinem Bruder die Pariser Krankenhäuser ab.
Antoines verzweifelte Suche nach seiner Frau, die Ungewissheit und schließlich die Nachricht, dass sie den Anschlag in der Konzerthalle nicht überlebt hat, bilden den emotionalen Höhepunkt des Films. Genauso beeindruckend, wie der großartige Deladonchamps, Antoines Verlassenheit ausdrückt. Und wenn der kleine Melville, der von dem Mädchen Zoé Iorio mit der überragenden Filmpräsenz eines Kindes gespielt wird, durch die leere Wohnung läuft und nach seiner Mama ruft, bleibt kein Auge trocken. Man muss schon ein Herz aus Stein haben, wenn einem nicht das Mitgefühl überkommt.
Als alleinstehendem Vater stellt sich Antoine die Aufgabe, seinen Alltag neu zu organisieren. Er bekommt dazu Hilfe, wird etwa von den Müttern aus dem Kindergarten bekocht. Bei den Formalitäten für die Beerdigung unterstützen ihn seine Familie und die seiner Frau, manchmal müssen sie ihn förmlich zu Entscheidungen treiben.
Die Atmosphäre in Paris hat sich für alle verändert. An sichtbar bewaffneten Ordnungskräften vorbei geht Antoine mit seinem kleinen Sohn durch die Stadt. Sie bringen immer wieder in Erinnerung, was geschehen ist.
Die Frage, wie Antoine mit seinem Verlust umgeht, ist der Kern des Films, der nach autobiografischen Aufzeichnungen von Antoine Leiris entstanden ist. Der war seinerzeit ein Kulturredakteur, und als ein Mann des Wortes postete er bei Facebook den Text »Meinen Hass bekommt ihr nicht«, der zigtausendfach gelesen und schließlich von »Le Monde« abgedruckt wurde.
Er stellte gewissermaßen seine Trauer ins Netz, mit dem Appell an die Terroristen »Wenn der Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild erschaffen hat, dann hat jede Kugel im Körper meiner Frau auch ihn ins Herz getroffen.« Darauf wurde er zu einer öffentlichen Figur.
Leider findet der Film keinen Standpunkt zu diesem Problem. Denn das Trauern um einen geliebten Menschen, den der Tod genommen hat, ist zuerst einmal Privatsache, auch und gerade wenn die Politik mit im Spiel ist.
Kilian Riedhofs Film bietet zudem eine allzu glatte Lösung eines politischen Problems an. Gegen »Meinen Hass bekommt ihr nicht« ist aus ethischer Sicht nichts einzuwenden, der zum Titel gewordene Satz ähnelt aber verdächtig einem guten Vorsatz. Und der Film bleibt an der Oberfläche.

Claus Wecker / Foto:  © Komplizen Film/Tobis
MEINEN HASS BEKOMMT IHR NICHT (Vous n‘aurez pas ma haine)
von Kilian Riedhof, D/F/B 2022, 102 Min.
mit Pierre Deladonchamps, Zoé Iorio, Camélia Jordana, Anne Azoulay, Farida Rahouadj, Jonathan Failla
nach einem Buch von Antoine Leiris
Drama
Start: 10.11.2022
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