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Museum für Moderne Kunst zeigt »Crip Time«

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Die Ausstellung »Crip Time« im Frankfurter MMK präsentiert über die komplette Schaufläche des Gebäudes Arbeiten von mehr als 40 überwiegend sinnes- und bewegungsbeeinträchtigten jungen Künstler*innen, die sich mit der (all)täglichen Gewalt beschäftigen, die Menschen mit Behinderungen widerfährt. Einige der Exponate wurden eigens für die Veranstaltung gefertigt. Aber auch etablierte Kunstschaffende wie Wolfgang Tillmans, Gerhard Richter und Isa Genzken sind mit teils bekannten Positionen zu diesem Thema vertreten. Den Placebo-Bonbonhügel des 1996 an Aids verstorbenen kubanischen Künstlers Felix Gonzalez-Torres haben wir hier im Haus ebenfalls schon gesehen.
Der doppeldeutige Titel der Schau stellt bewusst das Behindert-Sein und seine spezifischen Zeittakte heraus. Statt ein neues C- respektive K-Wort der political correctness zu etablieren, wird der Begriff »Cripple/Krüppel« positiv und aktivistisch konnotiert. In einer Gesellschaft, die im hohen Maß auf das Funktionieren ihrer Mitglieder ausgerichtet ist, brauchen Menschen mit Beeinträchtigungen in einer nicht auf sie eingerichteten Umwelt für vieles viel mehr Zeit, noch viel mehr Energie und oft zusätzliche Qualifikationen. Alle Exponate stehen in diesem Kontext, fast alle Künstler sind auch politisch aktiv.
Ganz schlicht und überaus sinnfällig weist gleich das Entree der Ausstellung darauf hin, wessen es bedarf: Shannon Finnegans dunkelblaue gemütliche Holzbank mit der weißen Aufschrift »It was hard to get here. Rest here if you agree« fordert nicht nur Teilhabe ein, sondern schafft zugleich aktive Abhilfe in der nicht eben barrierefreien Infrastruktur des Hans-Hollein-Baus. Denn selbstveständlich sind ihre Exponate auch zum Benutzen gedacht. Ein Stockwerk höher hat die New Yorkerin die Endstufen einer Treppe zu einer Sitzgelegenheit umfunktioniert. Insgesamt zehn Positionen umfasst der mit der Frage »Do you want us here or not?« überschriebener eindrucksvolle Beitrag.
Einen wunderbaren Blick hat man von der Bank aus auf die mathematischen Wut-Grafiken (»Degrees of Deaf Rage« (2018) der in Berlin lebenden tauben Amerikanerin Christine Sun Kim, die ihren Erregungsgrad bei offenkundigen Benachteiligungen anzeigen. Etwa wenn sie auf ihrem Smartphone liest, dass jemand auf der Mailbox eine Nachricht für sie hinterlassen hat. Liza Sylvestre macht ihre Hörwelt auf einem sehr bewegenden Video zum Thema. Nur ihr Gesicht ist darauf zu sehen, und wie sie, unter tränentreibender Anstrengung artikulierend, uns zunächst erzählt, wie sie als Kind auf die Information der Ärzte reagierte, sukzessive das Gehör zu verlieren. Die Version ihrer tatsächlichen fragmentierten Wahrnehmung heute hören wir m Anschluss: »Wha_ i_ I _old you a __ory in a language I _an _ear?«.
Viele der hier dokumentierten Erfahrungen unterscheiden sich nur graduell von den eigenen. Sharona Franklins speziell für diese Ausstellung angefertigte »Crip Clock« ordnet sechs an medizinische Instrumente erinnernde Silberlöffel mit bunten Pillen in den Schalen zu einer Uhr. Kennt man doch. Nicht minder vertraut wirkt der hüfthohe Papierstapel von Emily Barker, sobald wir erfahren, dass er aus 7.865 Blättern voller Rechnungen besteht. Sie dokumentieren die über einen Zeitraum von drei Jahren (2012-2015) geführte Korrespondenz der querschnittgelähmten US-Amerikanerin mit Ärzten und medizinischen Institutionen.
Susanne Pfeffer und Anna Sailer haben diese Ausstellung kuratiert und überdies für eine ganz großartige Themenführung auf der MMK-Homepage gesorgt. Es gibt viel nachzudenken, zu bewundern, aber durchaus auch zu schmunzeln auf dem Rundgang, den man am besten nicht nur einmal besucht.
Und es gibt zu lernen: Wer künftig in seiner Umwelt Menschen mit Behinderung statt Behinderte sieht und Rollstuhlfahrer nicht mehr als gefesselt betrachtet, hilft schon mit, hinderliche Barrieren zu beseitigen. Die gibt es schließlich vor allem in unseren Köpfen.

Lorenz Gatt
Foto: Liza Sylvestre – Ausstellungsansicht, © Axel Schneider

Bis 30. Januar 2020:
Di., Do.–So., 10–18 Uhr; Mi., 10–20 Uhr
www.mmk.art

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