Strandgut – Das Kulturmagazin für Frankfurt und Rhein-Main

Nie wieder Putin

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In einem Interview mit der FAS (13.03.2022) stellt Robert Habeck fest, daß »wir« Fehler gemacht hätten, weil »wir« den Ukrainern »eine Tür offen gehalten«, ihnen aber gleichzeitig gesagt hätten, »ihr dürft da nicht durch«.
Das hört sich erwachsen und vernünftig an – es könnte vom staatstragenden Joschka Fischer sein. Nur – es fehlt der Kontext. Dann wird es richtig bitter.
Viele Mitgliedsstaaten der ehemaligen Sowjetunion wollten und wollen unbedingt in die EU, vor allem aber in die NATO. Sie kennen ihre früheren Herrscher nur zu gut, sie brauchten Schutz, dachten sie, und wie sich zeigte, vollkommen zu recht. Statt ihnen Schutz zu gewähren – und wir hatten nach allen Vereinbarungen, die »wir« mit den neuen alten Herrschern Russlands abgeschlossen hatten und im Unterschied zu dem Unsinn, den Herr Putin gerade postuliert, jedes Recht dazu. In allen Verträgen mit Russland seit 1991, seit Ende des Warschauer Paktes, hatte Russland jeder der ehemaligen Sowjetrepubliken doch explizit territoriale und politische Integrität garantiert, und freie Bündniswahl ist nun mal unabdingbarer Bestandteil davon.
Warum haben wir dann den Schutzsuchenden nicht Schutz geboten? Die Antwort ist, weil »wir« alle – von der SPD und anderen Russland-Romantikern mal abgesehen – genau so viel Angst hatten vor dem neuen Russland wie vor dem alten, vor allem Angst vor dem Atomkrieg, der vermeintlich alles auslöschen würde.
Wir wollten also Russland lieber nicht verärgern, haben uns benommen wie Schulkinder, die lieber einen großen Umweg machen, als sich der Gefahr von Prügeln durch böse, ältere Mitschüler auszusetzen.
Wir sollten uns erinnern, daß dies »dem Kampf aus Weg gehen« auf Dauer nicht möglich ist. Da hilft auch kein »Wandel durch Handel«.
Jetzt ist der Kampf da, obwohl »wir« fast bis zur Selbstaufgabe alles getan haben, um ihn zu vermeiden. Statt uns dem Kampf zu stellen, haben wir ihn durch vermeintlich gefahrlosere Mittel ersetzt. Dazu spielten alle Radiosender Europas um 08:45 nach Kriegsbeginn gemeinsam »Give peace a chance«. Während auf den Live-Bildschirmen der Welt Leichen herumlagen, Schüsse auf Menschen abgegeben wurden und km-lange Panzerkolonnen vorrückten, wirkte das wie ein schlechter Witz.
Jetzt, bald 3 Wochen danach, machen wir uns bereits die größten Sorgen, daß der terroristische Rüpel Putin außer seinem Gesicht vollends die Contenance verliert und den Atomknopf drücken könnte.
Stellt sich die Frage, was alles noch passieren muß, bis wir kapieren, daß man manchmal keine Wahl hat – außer stehen zu bleiben und sich zu stellen?
Leider bin ich sicher, daß viele von »uns« sich gerade eine andere Frage stellen: bis zu welchem Preis halten wir zur Ukraine?
Die Frage, was Putins nächstes Ziel sein wird, falls er auch dieses Mal mit seiner Aggression davonkommt, stellen wir lieber gar nicht.
»Wir« sollten uns klar machen, daß man mit Leuten wie Putin nicht verhandeln kann, daß keine Vereinbarung mit ihm das Papier wert ist, auf dem es ausgedruckt ist – er hat sie schließlich alle gebrochen – und was »wir« von ihm wollen, sein bedingungsloser vollständiger Abzug und sein Rücktritt ist.
Und – selbstverständlich – eine Beitrittsperspektive der Ukraine für NATO und EU.
Kurt Otterbacher
PS:
Und wenn wir schon mal dabei sind und die dicken Sanktionskeulen bereits ausgepackt sind:
– sollten »wir« (die EU, USA, UK, Australien und Neuseeland) nicht dem Beispiel Litauens folgen und ebenfalls diplomatische Beziehungen zu Taiwan aufnehmen? Und so klarmachen, daß ein Zusammenschluß der VR China und Taiwan ganz allein eine Sache zwischen den beiden Parteien ist – aber nicht gegen den Willen eines der beiden erfolgen kann und schon garnicht mit Gewalt?
– und: wie kann es sein, daß die UN einem Mitglied Stimm- und Vetorecht nicht aberkennen kann, selbst wenn dieses Land dauerhaft und gewaltsam gegen die UN Charta verstößt – und so zuläßt, daß Kriegsverbrecher die Geschicke der Welt in ihrem Sinne beeinflussen?
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