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Richard Wright – eine Wiederentdeckung

literatur RichardWright c Hulton Archive

In der FAS hieß es einmal sehr treffend, dass Richard Wright uns zeige, wie es ist, in der eigenen, das heißt hier: schwarzen Hautfarbe gefangen zu sein. Wright, 1908 auf einer Plantage in Natchez, Mississippi geboren, verließ schon mit neunzehn Jahren (und für immer) den Süden, ging nach Chicago, wo er sich in den einschlägigen Tätigkeiten für junge Autoren, Tellerwäscher, Straßenfeger und dann auch als Postangestellter durchschlug, Kurzgeschichten und Essays schrieb, bis ihm 1940 mit dem Roman »Native Son« (»Sohn dieses Landes«), jetzt ebenfalls wieder im Verlag Kein & Aber erschienen, der endgültige Durchbruch gelang. Mitte der fünfziger Jahre siedelt er endgültig mit seiner Familie nach Paris um, wo er 1960 an einem Herzinfarkt stirbt. Mit Richard Wright beginnt die Reihe der großen amerikanischen Schriftsteller schwarzer Hautfarbe, die über James Baldwin bis hin zu Teju Cole und Colson Whitehead reicht.

Es ist Samstagabend, der junge Schwarze Fred Daniels hat gerade seinen Wochenlohn bekommen und ist auf dem Weg nach Hause zu seiner hochschwangeren Frau Er freut sich auf den Sonntag, da geht er in die Kirche und am Montag, wenn er wieder zur Arbeit geht, fühlt er sich immer »wie neu«. Doch völlig überraschend wird er von drei weißen Polizisten in einem Auto gestoppt. Sie suchen, natürlich, einen Schwarzen, denn am Morgen dieses Samstags ist in dem Haus neben seiner Arbeitsstelle ein altes Ehepaar beraubt und ermordet worden. Die Polizisten sind froh, dass sie so schnell einen »passenden« Schwarzen gefunden haben. Auf der Wache erpressen sie mit den üblichen, äußerst brutalen Foltermethoden schnell ein Geständnis. Er unterschreibt, kaum noch bei Bewusstsein und nicht mehr zurechnungsfähig. Doch auf dem Weg ins Gefängnis kann Fred entkommen. Er versteckt sich in der Kanalisation, zum Glück ist das Wasser nur kniehoch. In den stinkenden Gängen kann er sich ab zu mit einem angezündeten Streichholz orientieren. Als er eine Metallstange findet, kann er damit Löcher in die Ziegelwände stemmen und so in die Keller der Häuser gelangen, z.B. in den eines Bestattungsunternehmens. Im Keller eines Juweliers lässt er ein ganzes Säckchen von Diamanten und goldenen Uhren mitgehen. Der Wachmann, der eigentlich aufpassen soll, schnarcht so laut und schläft so tief, dass er ihm auch noch sein Halfter mit Pistole entwenden kann. In einem Keller einer Bank schafft er es sogar, den Code zu entschlüsseln, um den Safe zu öffnen und ein Haufen Bargeld mitgehen zu lassen. (Er hat die Klicks mitgezählt, die bei der Drehung des Rades zu hören waren.) Doch bald kann er von seinem sicheren Beobachtungsposten aus erkennen, wie die Menschen, die er bestohlen hat, für seinen Diebstahl bestraft werden. Ihm war es ja kürzlich genauso ergangen. So war die grausame Welt. Hier, in seinen Untergrund, hat er das Gefühl von oben auf das »vernunftlose, menschliche Leben« blicken zu können. Die Menschen wurden von »Scham und Schuld überwältigt, wenn sie auf die unabänderliche Schwäche ihrer Leben hinabsahen«. Er sieht in diesem Leben keinen Sinn, keine Rettung und kriecht nach drei Tagen schon aus der Kanalisation an die Oberfläche. Er geht zurück zur Polizei. Doch dort hält man ihn für irre geworden, als er versucht, seine Zeit in der Kanalisation und seine Taten zu erklären. Die Polizisten haben inzwischen nämlich den richtigen Mörder gefunden, einen weißen Italiener, und befürchten nun, dass Fred Daniels verraten könnte, dass sein Geständnis durch Folter aus ihm herausgepresst wurde. Besessen von der Idee, den Polizisten zu zeigen, wie auch er sich schuldig gemacht hat an unschuldigen Menschen, steigt er noch einmal hinab in die Kanalisation, wo ihn die Polizisten erschießen. Dieses schreiende Unrecht, das ja bis heute geradezu systematisch von weißen Polizisten an Schwarzen verübt wird, beschreibt Wright, nüchtern, ohne jedes Pathos und stellt es dadurch umso wirksamer heraus. (Man möchte, als Leser, mit dem Hammer draufschlagen.)
An den Roman schließt sich der Essay »Erinnerungen an meine Großmutter« an. Darin beschreibt Wright seine eigene Lebensgeschichte, also wie er aufwuchs, welchen großen Einfluss die Großmutter auf ihn und auch auf sein Schreiben hatte. »Die Religion war ihre Wirklichkeit, der einzige Sinn ihres Lebens.« Für ihn ist das Leben seiner Großmutter »völlig sinnlos gewesen«. Sie verstand nichts von »der Beschaffenheit der um sie herum herrschenden sozialen Beziehungen in der Welt«. Die Art, wie seine Großmutter das Leben sah, brachte ihn dazu, »mit fünfzehn von zu Hause wegzulaufen«. Richard Wright hat Ähnliches erlebt wie sein Fred Daniels im Roman. »Wenn man jemandem etwas vorwirft, was er nicht getan hat, ist die Reaktion völlig unvorhersehbar. Eine falsche Beschuldigung hat die Kraft, ein ganzes Leben durcheinanderzubringen.« Richard Wright weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, dass falsche Verdächtigungen »eine der qualvollsten, verheerendsten, vernichtendsten und brutalsten Erfahrungen sind, die man machen kann«.
Macolm Wright, der Enkel des Autors, ergänzt mit seinen Erinnerungen an seinen Großvater und dessen Geschichte, dieses kleine, aber wichtige Büchlein, das leider Gottes auf unabsehbare Zeit nicht veralten wird.

Sigrid Lüdke-Haertel / Foto: © Hulton Archive

Richard Wright: »Der Mann im Untergrund«.
Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence. Mit einem Nachwort von Malcolm Wright.
Verlag Kein & Aber, Zürich 2022, 240 S., 24 €

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