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Staatstheater Mainz: David Giesekmanns bringt in »Villa Alfons« den Wirecard-Skandal auf die Bühne

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Denkfehler oder Geniestreich? Seiner Mutter immer denselben 500-Schilling-Schein zeigen, damit diese das angeblich Gesparte verdoppelt – das muss irgendwann auffallen, sollte man meinen. Jens Marlicek treibt seinen Lausbubenstreich, mit dem er zu Anfang des Stücks die Mama hereinlegt, in der hohen Finanzwelt zur Perfektion und erbeutet damit Milliarden. Der Dramatiker David Gieselmann hat mit »Villa Alfons« den großen Wirtschaftsskandal rund um die Wirecard AG im Auftrag des Mainzer Staatstheaters auf die Bühne gebracht. In der knapp zweistündigen Aufführung skizziert er – unter der Regie von Christian Brey – die grotesken Ereignisse rund um das mittlerweile insolvente Zahlungsdienstleistungsunternehmen und seine Vorstandsmitglieder Markus Braun (im Stück Markus Schwartz, grandios gespielt von Klaus Köhler) und Jan Marsalek (Jens Marlicek verkörpert von Nachwuchstalent David T. Meyer).
Wirecard wird dabei zu »Instacard«, die Wirtschaftsprüfer sind nicht von EY, sondern von C & Y. Und selbst Karl-Theodor zu Guttenberg bekommt als von und zu Schlechtental seinen Auftritt. Allein die Villa Alfons, das Klubhaus Marsaleks in München, in dem er seine krummen Geschäfte tätigte, behält den wahren Namen. »Wir erzählen Fiktives, damit man besser sieht, was wirklich war« erklärt zu Beginn die »Capital-Times«-Journalistin Annegret Lopez (Kruna Savic), die ab und zu aus ihrer Rolle schlüpft und einer Conférencière gleich durch das Stück führt. Dabei beruhen die unglaublichsten Episoden auf realen Fakten (so hat Marsalek tatsächlich Schauspieler angeheuert hat, um der BaFin eine Bank vorzutäuschen), so dass nur das überdrehte und temporeiche Spiel der Ensemble-Mitglieder die Geschehnisse ins Lächerliche zieht.
Die Schauspielleistung aller ist überragend, bilden die sieben (in weiteren Rollen Holger Kraft, Katharina Uhland und Monika Dortschy) doch über 20 Figuren ab. Ein Höhepunkt, zu Recht mit Szenenapplaus belohnt, ist Vincent Doddemas Dialog mit sich selbst, wobei er unzählige Male von einem Bühnenende zum anderen rennt. Beherrscht wird Anette Hachmanns Bühne von einer riesigen Tierskulptur, einem Dachs bzw. Dax, der immer mal wieder symbolhaft von Schwartz (Klaus Köhler) bestiegen wird. Denn für den CEO gibt es nur ein Ziel: die Aufnahme Instacards in den Deutschen Aktienindex. Was für ihn besser als Sex sei, wie er in einem der Lieder zum Ausdruck bringt.
Jeder der fünf Akte wird mit einer Gesangsnummer eingeläutet, von Rap über Swing bis hin zur Ballade (Musik: Matthias Klein). Dabei dienen die Songs à la Brecht nicht nur als komödiantische Einlage, sondern erklären zum Teil auch Begriffe wie den sozialpsychologischen »Halo-Effekt«, der Wirecard wie eine Art Schutzschild umgab, an dem alle Vorwürfe abprallten.
Der Stoff an sich taugt eigentlich zur Tragödie. Doch macht ihn Gieselmann macht mit guten Gründen zur Komödie, zum »Lehrstück ohne Lehre«: da sich der Kapitalismus niemals ändern werde und man besser über ihn lache statt zu weinen. So bleibt die Opfersicht außen vor und Schwartz sitzt am Ende nicht in Haft, sondern scheint im Bauch des Dachses sein Seelenheil gefunden zu haben. Auch wenn mancher Wortwitz und manche Szene arg an Klamauk grenzt und es BaFin-Beamte, die schon beim Aussprechen ihrer Namen einzuschlafen scheinen, nicht gebraucht hätte, ist »Villa Alfons« ein großartiges Schauspielspektakel, das man sich nicht entgehen lassen darf.

Verena Rutkowski (Foto: © Andreas Etter)

Termine: 4., 5., 14. Februar, jeweils 19.30 Uhr
www.staatstheater-mainz.com

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