Altern mit Freude Die Komödie »Weiße Turnschuhe«

Günther ist fit wie ein Sneaker. So würde es der 75-Jährige neudeutsch ausdrücken. Während eines Gesprächs mit Kumpel Max lässt der Pensionär locker einen Hula-Hoop-Reifen um seine Hüften kreisen, er beherrscht die freihändige Kerze, den wohl jedem schon aus frühesten Kindheitstagen bekannten Schulterstand, und sprintet mühelos und mehrmals am Tag die fünf Etagen zu seinem Loft hinauf. Dort geht das Training weiter, auf dem Stepper, dem Fahrrad-Ergometer oder dem Schwebebalken. Der rührige Rentner bewegt sich pausenlos. Doch ein Ende des fleißigen Übens droht: Sohn Kai hat der Krankenkassen den eigenen Vater als Pflegefall, als schwerhörig, verwirrt und gehbehindert, verkauft, weil er sich und diesen in eine missliche finanzielle Lage gebracht hat und Geld braucht. Die beauftragte Gutachterin Sylvia will, mit Windeln und Lätzchen ausgerüstet, gleich bei dem vermeintlichen Greis einziehen und sich um ihn kümmern. Unter ständiger Aufsicht wäre es dann mit dem Turnen vorbei, soll der Betrug nicht auffliegen. Doch Günther hat vier Ehefrauen und einen Hund nicht ganz ohne Einfluss überlebt, da findet er sicher auch aus dieser Lage einen Ausweg.
Regisseur Urs Schleiff hat in seiner Inszenierung von »Weiße Turnschuhe« aus der Feder des sehr produktiven Boulevardautors René Heinersdorff die perfekte Besetzung für die Rolle des Protagonisten gefunden. Jochen Busse, der so zum wiederholten Male an der Frankfurter »Komödie« gastiert, ist mit seinen 85 Jahren sogar schon zehn Jahre älter als Günther, aber nicht minder sportlich und flexibel. Zwar gesteht der auch aus dem Fernsehen bekannte Kabarettist zwischendrin dem Publikum, er hätte das Engagement nicht angenommen, wenn er gewusst hätte, wie anstrengend es wird. Doch der Routinier meistert die Hürde problemlos und gibt am Ende sogar noch eine beeindruckende gymnastische Zugabe, bei der er sich mit gestreckten Beinen so weit nach unten beugt, dass er seine Handflächen flach auf den Boden legen kann.
Bis dahin haben die Zuschauer eineinhalb vergnügliche Stunden hinter sich, in denen Busse sich in der von Jan Hax Halama eingerichteten Bühnenwohnung nicht an die Grenzen seiner Figur hält. Mal spricht er einzelne Leute im Publikum an, mal hält er ein Plädoyer dafür, dass Krankenkassen nicht an den Leistungen ihrer Mitglieder sparen sollten. Nicht immer ist ersichtlich, was bei diesen Soli vorgeschrieben und was improvisiert ist. Die anderen Darsteller, Susanne Eisenkolb als Prüferin, in der ebenfalls eine Menge kriminelle Energie steckt, Claus Thull-Emden als missratener Sprössling Kai und Dirk Emmert als Günthers gutmütiger Nachbar und Joggingpartner Max, werfen Busse in einer Tour die passenden Bälle zu, und vor allem »Sylvia« kontert seine Vorlagen pfiffig. Dass sich bei so viel Wortwitz auch mal ein Kalauer einschleicht, mancher Schlagabtausch allzu gewollt wirkt, ist angesichts der Dynamik, mit der die Pointen abgefeuert werden, verzeihlich. Schlüpfriges und Kindisches bleibt ebenfalls nicht außen vor. Doch der Spaß dominiert, und Busse hat so was von recht, wenn er sagt, dass Ältere doch weiterarbeiten sollten, wenn ihre Leistung weiterhin überzeugt.

Katja Sturm / Foto: © Hendrik Nix
Bis 3. Mai: Di.–Sa., 20 Uhr; So., 18 Uhr
www.diekomoedie.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert