In diesem Stück, in dem es um Wasser geht, ist auch der Tanz nur ein Element. Doch gerade weil die Bewegungen so harmonisch mit der Musik und dem Bühnenbild zusammenfließen, entsteht Magie.
»Become Ocean« hat der amerikanische Komponist John Luther Adams sein 2013 uraufgeführtes, minimalistisches Werk genannt, in dem er das Meer in seinen verschiedenen Zuständen hörbar werden lässt. Es ruht, perlt, fließt, schwappt nur leicht, kräuselt sich zu Wellen und entwickelt unbändige Kraft. Die Taiwanesin Chen-Wei Lee und der Ungar Zoltán Vakulya, die seit 2016 zusammenarbeiten, haben die mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Musik mit dem Hessischen Staatsballett in Szene gesetzt und ihr einen elektronisch tropfenden Sound-Prolog von Fanny Thollot vorangestellt. Wie gewohnt, wird das Ergebnis an beiden Standorten des Ensembles präsentiert: Nach der Premiere im Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters folgen ab April weitere Aufführungen in Wiesbaden.
Wie Schilfblätter in sanftem Wind wiegen sich die zwölf Tänzer*innen zu Beginn, treten sehr langsam auf der Stelle oder verharren in gestreckter Haltung. Nur allmählich nehmen sie Fahrt auf und entwickeln neue Systeme. Soli und wenige Pas de Deux kristallisieren sich heraus, kleinere und größere Wirbel entstehen, bei denen sich die rotierenden Körper wie zufällig touchieren und aneinander hängen bleiben.
Das Orchester unter der Leitung von Nicolas Kierdorf sitzt im Hintergrund, hinter einem Gaze-Vorhang. Das sich verändernde Licht lässt die Männer und Frauen an den Instrumenten manchmal metallisch durchscheinen und wieder verschwinden. Ein unwirkliches Bild, das, vom Thema inspiriert, daran erinnert, wie man beim Abtauchen die faszinierende Unterwasserwelt erlebt.
Doch all das würde sich nicht so schillernd einprägen, wäre da nicht das seltsame Gebilde, das über den Tänzer*innen hängt und seine Form verändert, wenn es sich um die eigenen Achsen dreht. Am Anfang lag die Kreation der Japanerin Yoko Seyama silbrig-glitzernd am Boden, nahm dort einen Großteil des Raumes ein. Hochgezogen entfaltet sie sich trichterförmig, wird zu einem Netz, einer wabernden Qualle, einem funkelnden Diamanten, der das Licht vielfach reflektiert.
Am Ende wird das Objekt wieder herabsinken. So wie das Leben sich einst aus den Fluten erhob und eines Tages vielleicht auch wieder darin verschwinden wird. Dieser Kreislauf findet sich auch in der ungewohnt zurückhaltenden Tanzgestaltung wieder, im Kleinen wie im großen Ganzen. In dunkle Blau-, Grau- und Rosé-Töne gekleidet, winden sich die Körper in einzelnen Segmenten, sie kreiseln um sich selbst und umeinander, einige Tänzer*innen laufen Runden, bis am Ende alles wieder zurückfindet zur anfänglichen Stille. In all dem schwingt die Kritik am Klimawandel mit, drängt sich aber nicht auf. Vielmehr soll der einstündige Abend wohl davon erzählen, was an natürlicher Schönheit bleiben würde, sollte der Mensch irgendwann vergehen.
Hessisches Staatsballett in Wiesbaden: »Become Ocean«