Das Motto hört sich nicht gerade höflich an, eher fordernd. »Platz machen!« – so lautet der Titel der diesjährigen Wiesbadener Biennale. Doch es ist weniger gemeint, anderes ruppig zur Seite zu schieben, als neue Räume für Kultur zu schaffen, und zwar draußen, mitten in der Stadt, in einem Umkreis von einem Quadratkilometer rund um das Staatstheater. Hier haben seit dem vergangenen Jahr in künstlerischer Hinsicht Dorothea Hartmann und Beate Heine als Intendantinnen das Sagen, und das Festival vom 12. bis 21. September wird das erste dieser Art unter ihrer Ägide sein. Orte, an denen man sonst achtlos vorübergeht, sollen dabei in den Blickpunkt rücken, Audiowalks und Ausstellungen, Filme und Lesungen, Installationen und Inszenierungen sollen dafür sorgen, dass Gewohntes oder bislang Unbeachtetes mit anderen Augen gesehen wird. Das Umfeld des Kulturtempels wird sich laut Hartmann in einen »Denk- und Erfahrungsraum« verwandeln, zu einem »pulsierenden Experimentierfeld« werden, wie die Frankfurterin Rebecca Ajnwojner es formuliert, die zusammen mit Carolin Hochleichter als Kuratoren-Duo für die Biennale wirkt.
Die Veränderung zeigt sich am ersten Tag schon an den ursprünglich weißen Säulen der Theaterkolonnaden des wilhelminischen Repräsentationsbaus, die die thailändische Künstlerin Sasapin Siriwanij bunt erstrahlen lassen will. In ihrer Heimat würden auch Bäume auf diese Weise heilig gesprochen, verrät die Asiatin vorab in einem Video, und die Farben sollen sich von hier aus mithilfe des Publikums ausbreiten.
Die anderen Spielorte wurden zusammen mit dem Berliner Kollektiv Guerilla Architects gefunden, die diese neu interpretieren lassen wollen. So verbinden Marina Frenk und Paul Brody im Vorgarten der Kaiser-Friedrich-Therme zeitgenössische jüdische Lyrik mit der Historie der Anlage und ihren Klängen, und Elischa Kaminer wird in seinen zweiteiligen »Water Songs« auf dem Rasen der früheren Synagoge Liedtradition mit Improvisation zusammenbringen. Die Choreografin Donna Miranda folgt in der Wilhelm-Arcade und am Warmen Damm dem Weg philippinischer Pflegekräfte in die hessische Landeshauptstadt. Von zwei Jungen, die während der Kolonialzeit aus Togo entführt wurden, handelt ein Hörspiel-Spaziergang von Barby Asante und Memory Biwa. Wie einst der Kaiser in seiner Kutsche geht es auf einer multisensorischen Reise unter dem Foyer des Staatstheaters durch.
In den Schaukästen des Nassauer Hofs zeigen Ibrahim Arslan und Jasper Kettner ihre Ausstellung »Die Angehörigen«, die sich mit Menschen beschäftigt, die durch rassistische oder rechte Gewalt Verwandte verloren haben. Im Literaturhaus Villa Clementine lesen die beiden Autorinnen Raphaelle Red und Lene Albrecht aus ihren Romanen. Daneben gibt es im Staatstheater selbst noch eine Reihe von Inszenierungen internationaler Ensembles, darunter das Onlinetheaterstück »Myke«, in dem es um die gezielte Radikalisierung junger Männer im Internet geht und das für den Faust-Preis 2025 nominiert ist. Filmvorführungen und ein gemeinsames Hörerlebnis ergänzen das Programm, das laut Ajnwojner ganz bewusst für Irritationen sorgen soll.
Irritationen inbegriffen – Wiesbadener Biennale vom 12. bis 21. September