Mit einem tiefen Griff in keineswegs geläufige Gründe der deutschen Theatergeschichte überrascht uns das paradiesmedial-Ensemble in den Landungsbrücken. Gezeigt respektive adaptiert wird dort ein Stück, von dem wohl die Wenigsten sagen können, sie hätten es schon mal gesehen. Christian Dietrich Grabbes anno 1822 erschienenes Lustspiel mit dem programmatischen Titel »Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung« wurde im Rhein-Main-Gebiet zuletzt 2004 im Frankfurter Schauspielhaus unter Regie seines heutigen Intendanten Anselm Weber aufgeführt, und ganze 14 Jahre davor an der Schauspielschule in Mainz.
Über 200 Jahre alt, fürwahr, aber ganz und gar nicht verstaubt, sind der ätzende Spott und die Häme, mit denen der Autor einem provokantem Rundumschlag den kompletten Kulturbetrieb seiner Zeit samt seiner Werte von Sitte und Anstand attackiert – und sich selbst davon nicht ausnimmt. Schließlich strotzt schon der überladene Titel mit Behauptungen, die sein Stück nie und nimmer einzulösen gedenkt. Erzählt wird darin in einer losen Szenenfolge vom immerzu frierenden Teufel, den seine Großmutter am Großreinemachtag aus der Hölle auf die kalte Erde schickt, wo er sich inkognito, aber ohne Scham und Scheu vor Albernheiten, mit Dichtern und Denkern, Bürger und Baronen, Pfaffen und Professoren über Kunst, Moral und Religion, aber auch über Patriotismus, wahres Mannestum nebst Frauen einlässt. Selbst ein Alter Ego des Autors, den Dichter Rattengift, findet Grabbes mephistolische Gestalt auf Erden vor. Was für ein Theater!
Schlimmer geht’s nimmer, es sei denn in der Debattenkultur des Bundestags, hat das paradiesmedial-Team um die Regisseurin Hannah Schassner erkannt und Grabbes »Radikalkomödie (…) ohne Rücksicht auf Verluste«, wie es in der wirklich lesenswerten Ankündigung der Landungsbrücken heißt, konsequent um das Thema Deutschland aktualisiert erweitert. Im post-post-dramatischen Crossover wollen Sebastian Huther als Teufel sowie Birte Sieling und Christoph Maasch in allen anderen Rollen mit der Gitarristin und Komponistin Katrin Zurborg dafür sorgen, dass das Publikum sich schneller als ihm lieb sein könnte in der Wirklichkeit wiederfindet, ohne Grabbe zu verlieren. Schließlich zählt hier wie da das gesprochene Wort.
Landungsbrücken: »Scherz, Satire, Ironie, Deutschland und tiefere Bedeutung« als musikalische Radikalkomödie