Das hellblaue Jackett behält Chance Wayne nicht lange an. Der Protagonist in Tennessee Williams’ Südstaaten-Drama »Süßer Vogel Jugend« reißt sich das Textil bald wieder vom Leib, um einen Großteil des zweistündigen, pausenlosen Theaterabends im grauen Unterhemd zu bestreiten. »Schiffschaukelbremser« nannte man solche Typen als es noch Schiffschaukeln gab; heute denkt man an Schimanski oder Marlon Brandos Stanley Kowalski. In Frankfurt spielt Arash Nayebbandi diese Wucht von Mann – ganz im Gegensatz zu dem, was seine Figur eigentlich verkörpert: einen ziemlichen Versager, dessen einziges Talent darin besteht, Frauen zu bezirzen.
Williams’ selten gespieltes Stück erzählt von der Rückkehr Waynes in seine Geburtsstadt St. Cloud. Von hier, nahe New Orleans, wurde er einst vertrieben, weil der mächtige Vater seiner Jugendliebe Heavenly ihm jeden weiteren Kontakt untersagte. In der Fremde wollte er zum Filmstar reifen – zurückgekehrt ist er als heruntergekommener Gigolo. Williams’ Melodrama schildert, wie Waynes beharrlicher Traum endgültig zerschellt. Dabei werden Altern, verblassender Ruhm, Lebenslügen, Korruption, Rassismus und moralischer Verfall verhandelt.
Bühnenpartnerin Nayebbandis und amoralisches Gegenbild zu Wayne ist die groß aufspielende Katharina Linder als alternde Filmdiva Alexandra del Lago. Nach einem vermeintlich missglückten Comeback hat sie sich mit Alk und Tabletten zugedröhnt und von ihrem private lover entführen lassen, um am nächsten Morgen nicht mal zu wissen, wo sie gelandet ist. Was für ein Wahn von Wayne, ausgerechnet von ihr das Ticket zum Ruhm und damit zurück zu Heavenly zu erhoffen! Was für ein Genuss zu erleben, wie Linders del Lago den großmäuligen Partner auf Bonsaimaße stutzt und ins Bett zitiert. Ärgerlich nur das häufige Anschreien.
Regisseur Max Lindemann serviert den ersten Akt als hermetisches Kammerspiel in einem nackten Hotelzimmer (Bühne: Signe Raunkjaer Holm). Im zweiten wandelt sich der Raum zum Firmenfoyer mit Sitzinseln. Von hier aus bereitet der reaktionäre Boss Tom Finley (Sebastian Kuschmann) mit seinem Sohn (Torsten Flassig), dem Arzt Scudder (Andreas Vögler) und dem in seiner Schlägertruppe aktiven Diener (Mitja Over) dem zurückgekehrten Paria den Garaus.
In Finleys Welt vermögen es weder die emphatische Tante Nonnie (stark: Angelika Bartsch) noch Finleys Geliebte Miss Lucy (Anabel Möbius), dem Beau ferner Tage beizustehen. Selbst Heavenly (Lotte Schubert) zeigt sich zu keiner Sekunde mehr an ihm interessiert. Zurück im Hotel schlägt Wayne auch das finale Angebot der Filmdiva aus, mit ihr fortzuziehen. Wenn das Bühnenlicht schlagartig erlischt, weiß man, dass sein gänzlich geräumtes Zimmer nun endgültig zum Schlachthaus der – männlichen – Träume wird.
Max Lindemanns sehenswerter Inszenierung gelingt es, die Unzahl an Themen dieses inhomogenen Dramas auch mittels dosiert und effektiv eingesetzter Projektionen von Live-Kameras in eine ansprechende kompakte Form zu bringen. Keine leichte Übung. Ein intensiver Abend ist es geworden, der zeigt, dass Williams’ heldenloser Klassiker auch heute noch wehtun kann.
Ruhm, Rausch, Ruin: Das Schauspiel Frankfurt zeigt »Süßer Vogel Jugend«