Staatstheater Darmstadt: »Der zerbrochene Krug«

Es ist ein veritabler Eyecatcher, mit dem das Darmstädter Staatstheater für Heinrich von Kleists »Der zerbrochene Krug« wirbt. Das aus einem Dichterwettbewerb hervorgegangene und 1808 von Goethe in Weimar zunächst mit einem Misserfolg uraufgeführte Lustspiel »Der zerbrochne Krug« wird seit einiger Zeit an den Theatern landauf landab als Stück zur MeToo-Debatte inszeniert – naheliegenderweise. Auf dem Darmstädter Plakat sitzt, die KI macht‘s möglich, der einschlägig belastete Gérard Depardieu über sich selbst zu Gericht – ähnlich dem Dorfrichter Adam im nahe Utrecht gelegenen fiktiven Kaff Huisum in Kleists Stück.
Das Plakat mag man einen Coup nennen, die Inszenierung von Theresa Thomasberger hingegen präsentiert sich als eine Klassikeraufführung, wie sie herkömmlicher schwerlich sein könnte, über lange Zeit zumindest. Ausführlich kostet Florian Donath auf der Richterbank im nach Art der Nachkriegsjahrzehnte dunkelholzgetäfelten Gerichtssaal von Mirjam Schaal als aufwachender Dorfrichter Adam die morgendlichen Folgen der Verletzungen aus der vergangenen Schandnacht aus. Er ist in das Zimmer der Eve eingedrungen und hat sie bedrängt, wurde von deren Verlobtem Ruprecht unerkannt gestellt – ebenjener Fall, über den der Richter nun zu Gericht zu sitzen hat, unter den Augen des zur Revision angereisten Gerichtsrats Walter. Der ist, wie sämtliche Rollen außer Adam, mit einer Frau besetzt. Gabriele Drechsel gibt in gestrenger Manier das moralische Gegengewicht zu Donaths fahrig-verlottertem Richter. Mit Alisa Kunina als Schreiber Licht in Beamtenanzugsgrau sitzt ihm eine weitere Frau im Nacken. Die Macht des Patriarchats gerät ins Wanken. Und die ihres in der fraglichen Nacht zu Bruch gegangenen Kruges wegen klagende Marthe Rull ist bei Laura Eichten keine Natur vom Lande, sondern eine attraktive Bessergestellte von neoliberal geprägter feministischer Statur.
Auftritte von Figuren durch den Zuschauerraum, der fast schon obligatorische Einsatz von Live-Video, der Schreiber Licht führt das Protokoll, na klar, am Laptop – und der Krug der Marthe Rull ist der Einsatz eines Mixers, aus dem sie mit dem Strohhalm ihr Smoothie (vermutlich wohl) zieht … wenn‘s denn als eine Satire auf das Stadttheater im Modus der Routine gemeint wäre – tolle Sache, nicht ohne Witz. Doch Thomasberger meint es natürlich ernst.
Als Adam schließlich von seinem Amt suspendiert ist, tut sich in einem monumentalen Bild die Rückwand auf, im gleißenden Gegenlicht wird eine Drehbühnenkonstruktion mit den vor Gericht zuvor beharrlich schweigenden vier Eves (die Besetzungen alternieren) mit Verweisen auf verschiedene Epochen hereingefahren. Von der Entstehungszeit des Stücks über die Ära des Kampfs um das Frauenwahlrecht im frühen zwanzigsten Jahrhundert und die sexuelle Revolution in den sechziger Jahren bis heute. Das Schweigen der Eve, der Opfer von sexueller Gewalt ist es, das die Regisseurin mit ihrem abgewandelten Schluss in den Fokus stellt, mit einem Dank im Programmheft an Gisèle Pelicot und all jene, die die Courage haben, wider ihre Peiniger vor Gericht zu ziehen. So verständlich das ist, es ist arg didaktisch. Es wird szenisch ausformuliert, was in den Köpfen zu wecken das Ziel sein sollte. Am Ende im Übrigen muss in Abweichung von Kleists Schluss Ruprecht ins Gefängnis, der zuvor von den Frauen verspeiste Adam kehrt wieder zurück, versetzt zwar, doch rehabilitiert. Die Botschaft, auch das ausbuchstabiert: Es ist noch viel zu tun, bevor es ein Ende hat mit der sich selbst erhaltenden Macht der Männer.

Stefan Michalzik / Foto: © Sinah Osner
Termine: 2., 11., 17. April, 19.30 Uhr; 26. April, 16 Uhr
www.staatstheater-darmstadt.de

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