Das erste Wort, das in Charlotte Sprengers »Romeo und Julia«-Inszenierung fällt, lautet »Krieg!«. Dass die verwendete Übersetzung der Shakespeare-Vorlage von Thomas Brasch den »quarrel« der verfeindeten Veroneser Adelsfamilien so drastisch ins Deutsche bringt, kommt der gefragten, noch zu den Jüngeren ihrer Profession zählenden Regisseurin sehr zupass. Sie hat das Liebesdrama aus dem 16. Jahrhundert nicht minder drastisch in unsere krisengeschüttelte Gegenwart verlegt und lässt es soundtechnisch im Hintergrund immer wieder bedrohlich krachen und dröhnen. Der »dünne Firnis der Zivilisation« (Freud) – man spürt ihn, wenn man will.
Zum Symbol dieser fragilen Lebenswelt hat die Bühnenbildnerin Aleksandra Pavlovic eine markante Brücke ihrer Geburtsstadt Belgrad erkoren, die kürzlich, wie man über das digitale Begleitheft erfährt, einer umstrittenen Sanierung zum Opfer fiel. Unmittelbar erschließt sich das wohl nur der Bühnenbildnerin; optisch aber – dem Eisernen Steg ähnelnd – macht sie einiges her. Hier, auf der Sava-Brücke, befehden sich die verfeindeten Clans – und hier tanzen sie auch; nimmt die so täppisch endende Liebestragödie zwischen der Capulet-Tochter und dem Montague-Spross über alle wohlbekannten Etappen hinweg ihren fatalen Lauf.
Ganz schön düster, so könnte man meinen, doch das Gegenteil ist der Fall im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters, wo das männlich konnotierte Terrain der Gewalt von der in Pastellfarben leuchtenden Kunstwelt eines Beautysalons überstrahlt und verdrängt wird. »Life is plastic, it’s fantastic«, kommt einem in den Sinn, aber auch die knallbunte Verfilmung des Stoffs durch Baz Luhrmann. Ein Großraum aus stylishen Plexiglaskabinen mit Liegen fährt da hoch, wir sehen LED-Masken, Monitore, auf denen rotierende Frauenköpfe in Dauerschleife für falsche Fingernägel in allen Farben werben, und einen mit Selfie- und Life-Kameras bespielten Mega-Screen. Überzeichnet das alles – gewiss. Doch state of the art, perfekt und makellos, wie im richtigen Teenie-Leben.
Am häufigsten ist auf den Monitoren Julia im Bild, die in Sprengers eigenwilliger Inszenierung nicht nur dieses Studio betreibt, sondern auch die ganze Aufmerksamkeit der Regisseurin gilt. Maria Wördemann verleiht der hier als 20-jährige junge Frau mit kurzem Haar präsentierten Figur eine Aura, die Shakespeares jugendliche Protagonistin nicht nur an Jahren weit hinter sich lässt. »So ist es, Kleiner, weil ich es will«, maßregelt sie selbstbewusst gleich beim ersten Auftritt ihren auf Krawall gebürsteten Cousin Tybalt (Timur Frey) – und hat auch sonst mit reichlich mehr Text das Sagen.
Das Personal hat Sprenger kräftig zusammengestrichen und umgestaltet. Die Adelshäuser werden allein durch die engstirnigen Väter (Michael Birnbaum, Martin Plass) vertreten, die aber im Gegensatz zu etlichen anderen im Ensemble auch in den hinteren Sitzreihen verstehbar sind. Anstelle der Amme kümmern sich Anne (Sandrine Zenner), als Freundin und Angestellte, und Azubi Peter (Kevin Krougliak) um ihre Chefin, während Süheyla Ünlüs herrlich schräge Schwester Lorenzo als Apothekerin den gleichnamigen Pater ersetzt und den so folgenreichen K.-o.-Tropfen-Mix dosiert. Gut nur, dass die Regisseurin den mit sich und der Welt hadernden Romeo (Abdul Aziz Al Khayat) nicht vom eigenen Barbershop träumen lässt, sondern ihn ganz der Liebe verpflichtet. Weiter mit dabei sind Benvolio (Adi Hrustemovic) und – hier als Künstlerin angelegt – Mercutio (Sybille Weiser), sowie der von Romeo im befremdlichen Wutwahn getötete Heiratskandidat Graf Paris (Lasse Boje Haye Weber).
So kommt vier Wochen nach Stefan Puchers »Leonce und Lena« mit Sprengers Arbeit eine zweite hochprofessionelle Popinszenierung ins Wiesbadener Programm, die dank großartiger Bilder, fein ausgesuchter Songeinspielungen (wie Fiona Apples »Across the Universe«) und ausgefeilter Technik nicht nur das junge Publikum fasziniert und über gut zweieinhalb Stunden (inklusive Pause) in Atem hält. Ganz wunderbar der Einfall, die große Balkonszene in den (siebten) Bühnenhimmel des Schnürbodens zu verlegen. Im Dialog über Lerche und Nachtigall entschweben die Verliebten an Seilen einer unversöhnlichen, zerrissenen Welt.
Den luftigen Weg zwischen Krieg und schönem Schein, Gewalt und Entfremdung, hat die Regisseurin mit Einsichten der feministischen US-Autorin bell hooks gesäumt. Befriedigend ist das vor der aktuellen globalen Drohkulisse nicht wirklich. Anders nämlich als der Meister, der sein Stück mit einer kathartischen Handreichung über die Gräben hinweg enden lässt, bricht Sprenger die Brücken hinter sich ab.
Staatstheater Wiesbaden: Charlotte Sprenger verlegt »Romeo und Julia« ins Heute