»A Missing Part« von Guillaume Senez

In Japan gibt es kein gemeinsames Sorgerecht für den Fall, dass sich die Eltern eines Kindes trennen. Wer das Kind einfach mitnimmt, bekommt das Sorgerecht. Weil sich der Staat aus Familienstreitigkeiten heraushalten will, schätzt man, dass es rund 150.000 derartige »Kindesentführungen« pro Jahr geben könnte.

Bei einer Trennung haben die verlassenen Elternteile, die keinen japanischen Pass besitzen, besonders schlechte Karten. Der Taxifahrer Jay (Romain Duris) ist einer von ihnen. Wenn der gebürtige Franzose Nacht für Nacht durch die Stadt fährt, hat er sein Augenmerk nicht nur auf den Verkehr, sondern auch auf die Passanten gerichtet. Denn er hofft, seine Tochter zu finden, die er seit neun Jahren nicht mehr gesehen hat.
Ein Franzose als Taxifahrer in Tokio ist eine kühne Drehbuchidee, haben doch schon die Einheimischen Mühe, eine Adresse in einem fremden Viertel zu finden. Aber Jay kennt sich in seinem Bezirk sehr gut aus; er kann sogar einem Autofahrer den Weg zu einem neu eröffneten Hotel weisen.
Von Anfang an nimmt der belgische Regisseur Guillaume Senez das Kinopublikum für seinen Film ein. Er setzt es gewissermaßen mit ins Taxi, beeindruckt durch atmosphärisch starke Nachtaufnahmen (Kamera: Elin Kirschfink), eine melancholische Musik von Olivier Maguerit und einen überzeugenden Protagonisten, dessen trauriges Schicksal Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hat. Schweigsam steuert er den ihm zugewiesenen Wagen durch die Straßen. Er hat die landesweite Zurückhaltung im Umgang mit anderen übernommen.
Es ist Duris’ zweite Zusammenarbeit mit dem Regisseur, und es soll nicht die letzte bleiben. Bereits in Senez’ voriger Arbeit »Nos batailles – Unsere Kämpfe« war er in einer ähnlichen Hauptrolle zu sehen, als ein Mann, den seine Frau mit zwei gemeinsamen Kindern verlassen hat. Bei der Werbung für diesen Film in Japan haben Senez und Duris von der schwer verständlichen Gesetzeslage in dem Land erfahren.
Allmählich deckt »A Missing Part – Une part manquante« die Situation auf, in der sich Jay befindet. Seine japanische Ehefrau Keiko (Yumi Narita) ist vor sieben Jahren mit der dreijährigen Tochter Lily in Tokio verschwunden. Nur weil die Alimente regelmäßig von seinem Gehalt abgezogen wird, weiß er, dass Lily noch lebt. Willigte er in eine Scheidung ein, hätte er jedes Recht verloren, Kontakt zu seiner Tochter aufzunehmen, solange sie minderjährig ist.
Er wohnt noch immer im Haus der Familie, lebt mit einem kleinen Äffchen namens Jean-Pierre zusammen und hat das Kinderzimmer in seinem einstigen Zustand belassen. Einen letzten, vergeblichen Anlauf auf dem juristischen Weg unternimmt er mit der Rechtsanwältin Michiko (Tsuyu Shimizu). Er lernt dabei die Französin Jessica (Judith Chemla) kennen, deren japanischer Gatte den gemeinsamen Sohn von ihr fernhält. Im Gegensatz zum assimilierten Jay fällt die temperamentvolle Jessica immer wieder unangenehm auf und muss beruhigt werden.
Eines Tages nimmt ein gehbehindertes Mädchen (Mei Cirne-Masuki), das Lily sein könnte, auf dem Rücksitz Platz. Jay tauscht den Dienst mit einem Kollegen, um den Auftrag für den täglichen Schulweg zu übernehmen. In seiner Ungewissheit wird er sogar zum Stalker.
Der Verdacht wird zur Gewissheit. Vorsicht ist geboten, und Jay ist unschlüssig, was er machen soll. Er kündigt seinem Vater die Rückkehr an und verkauft sein Haus. Schließlich öffnet sich ein kleines Zeitfenster für einen beeindruckenden Höhepunkt dieses Films. Jay kann endlich die Vaterrolle spielen, nach der er sich so sehr gesehnt hat, und Lily findet die Kraft, sich aus der psychischen Umarmung der Mutter zu lösen. Die hat ihr eingeredet, der Vater habe nichts mehr von ihr wissen wollen. In Erinnerung sind ihr nur die Streitereien der Eltern geblieben.
Bei Senez und seinem Co-Autor Jean Denizot ist Japan für westliche Ausländer kein Ort der Selbstfindung. Sie erliegen nicht dem Kirschblüten-Kitsch einer Doris Dörrie, sondern zeigen eine streng reglementierte Gesellschaft, die sogar einen Club eingerichtet hat, in dem man gegen ein Eintrittsgeld die Inneneinrichtung eines Zimmers zertrümmern kann. Manchmal verhilft eben eine gewisse Distanz zu einem aufschlussreichen Blick.
Der bleibt einfühlsam und frei von Verurteilungen. Hinzu kommt, dass die Rechtslage in Japan mittlerweile verändert wurde und dass jetzt beide Elternteile über wichtige Aspekte im Leben des Kindes entscheiden können.

Claus Wecker / Foto: © Leonidas Arvanitis
>>> TRAILER
A Missing Part (Une part manquante)
von Guillaume Senez, F/B 2024, 98 Min.
mit Romain Duris, Judith Chemla, Mei Cirne-Masuki, Tsuyu Shimizu, Shungiku Uchida, Yumi Narita
Drama
Start: 2.4.2026

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