»Architekturbaukästen 1890–1990« – die Mitspielausstellung im Deutschen Architekturmuseum

Und das ist er tatsächlich! Zumindest im tadellos erhaltenen Baukasten »Die neue Raumelemente-Bauweise« aus der Werkstatt des VEB Plastikspielwaren mit Sitz in Waltershausen aus dem Jahr 1973. Er enthält leuchtend durchgefärbte Plastikbausteine in Marineblau, Weiß, Vanillegelb und Strahlendrot, die sich zu Häusern zusammenschieben oder – stecken lassen, mit vielen weiteren Verbindungs-Elementen, Scharnieren und einer Bauanleitung. Doch egal wie oder was man mit wem zusammensteckt, heraus kommt immer ein Plattenbau in Blauweißrot. Mal mit Balkon, mal ohne. Das ist gar nicht so schlecht, denn es fällt einem wie Schuppen von den Augen: Ernst Mays »Neues Frankfurt« fußt auf exakt denselben Richtlinien. Dort wie hier herrschte Wohnungsnot, dort wie hier war Fertigbauweise die praktikabelste Lösung. Und dann darf die Architektur auch auf ähnlichen Maximen beruhen. Ein paar Plastikbäumchen haben auch übrigens ihren Weg in den Baukasten gefunden.
Es ist eine wunderbare Ausstellung, die das Deutsche Architekturmuseum da konzipiert hat, dem Sammler und Grafiker Claus Krieger sei Dank. Er hat die Architekturbaukästen zusammengestellt. Doch es gibt ein wesentliches Extra. Neben den Architekturbaukästen eines gesamten Jahrhunderts, die von einer Chronik des kindlichen (Jungen-) Spielzeugs ausgehend eine Chronik der Gesellschaft, ihrer Rollenbilder und ihrer politischen Vorstellungen entwirft (siehe oben), sind nämlich diejenigen Modelle platziert, mit denen man auch spielen kann. Acht Spielstationen sind dafür eingerichtet worden. Es handelt sich um Nachbauten der kostbaren Originalbaukästen »Ingenius«, »Bâtiss«, »Skyline«, »Minibrix«, »Tetek«, »Dusyma« und »Der keine Großbaumeister«.
Da kann also nach Herzenslust darauf losgebaut, gesteckt, aufeinander gestellt und geschoben werden, in die Einzelteile zerlegt und gleich wieder von vorne begonnen. Doch ganz so einfach wie beim heutigen Großmeister Lego fällt der Gestaltungsprozess nur in geringem Maße aus – sogar Professor Kratzer von der Hochschule für Technik in Stuttgart, der zusammen mit seinen Studenten für die Nachbauten verantwortlich zeichnet, geriet bei einem Steinbaukasten der Firma Anker aus gepresstem Kunststein aus Sand, Kreide und Leinöl leicht aus dem Tritt und an seine Grenzen. Das Gebäude sieht wunderschön aus, ein richtiger Palast, aber beim Aufbau jetzt im Museum musste erst einmal ein Stein auf dem anderen bleiben. Das Material ist da ein bisschen anspruchsvoll. Der berühmte Otto Lilienthal und sein Bruder Gustav entwickelten diesen Baustoff im Jahr 1877 und verkauften dessen Formel später an Friedrich Adolf Richter. Der setzte ihn für Stein-Baukästen ein, wunderschön und zartfarbig, mit einem fast verblasst antiken Flair, aber – wie dokumentiert – recht schwierig zu schichten.
Das wird bei dem allerfrühesten Baukasten, der hier ausgestellt ist, nicht der Fall gewesen zu sein, ein Wahnsinnsmodell mit winzigen Holzteilchen, Eckleisten, Plättchen, und vor allem; einem durchnummerierten Bauplan, dass einem der Kopf nur so schwirrt. Es gab wenig kreativen Spielraum, alles musste an den vorher angedachten Platz geschoben werden.
Es ist unglaublich, was da alles gebaut werden konnte: die irrsten Wolkenkratzer, der Hochhausarchitektur New Yorks angelehnt, mitsamt stahlroter Brücken, was sofort an die Brooklyn Bridge denken lässt, eine spanische wunderhübsche Ciudad Jardín, The New City, auch ein Kriegsflugzeug. Baukästen enthalten einfache Haus-Elemente, die man beliebig aufstellen und daraus ein Dorf nach eigenen Vorstellungen entstehen lassen kann, oder genaue Anleitungen für den Bau niedlicher alpenländischer Dörfer, für bunte Brücken, Villenkolonien, Fachwerkkirchen.
Die Ausstellung nimmt uns mit in den Prozess des Erfindens des geeignetsten Baumaterials von Kautschuk über Keramik und Plastik, und sie nimmt uns auch mit auf eine Denk-Reise: Bei diesen Spielen ist ganz unzeitgemäß die Zeit das geforderte Element, dazu viel Geduld, Fingerspitzengefühl und räumliches Denken. Das Bekanntwerden mit Bauformen anderer Länder gibts gratis dazu.
Ganz ehrlich, am liebsten würde ich jedem Kind und auch vielen Erwachsenen den Besuch des Museums dringendst empfehlen. Die Forschung weist dem spielerischen Erwerb von kulturellen Fähigkeiten den größten Erfolg nach. Also nichts wie hin.

Susanne Asal / Foto: Ausstellungsansicht, © Moritz Bernoully

Bis 8. Februar: Di.–So., 11–18 Uhr; Mi., 11–20 Uhr
www.dam-online.de

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