Sein letzter und großer Erfolg liegt genau zwei Jahre zurück: »Seit er sein Leben mit einem Tier teilt« (2024). Jetzt, in den »Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt« (2026) legt er, höchst ambitioniert, nach. Terese, Heldin und in weiten Teilen auch Erzählerin der Geschichte, folgt den Spuren von Vigo, ihres in Indien verschollenen Mannes. Und findet, wie bei diesem Autor zu hoffen und zu erwarten ist, nicht nur sexuelle Erfüllung, sondern tatsächlich auch Liebe. Und so geht es los:
Terese Weiler, schon etwas älter, ganz genau erfahren wir das nicht, fliegt spontan nach Mumbai, um dort ihren Ehemann Vigo zu treffen, der sich längere Zeit nicht gemeldet hat. Vigo ist nach Indien gereist, um für ein Buch zu recherchieren. So sagte er zumindest. Tereses langjährigen Erfahrungen zufolge, könnte auch etwas anderes dahinterstecken: eine andere Frau. Es ist keineswegs Eifersucht, die sie antreibt. Sie will sich selber darüber klar werden, »was mit ihren Gefühlen von einst passiert ist: Welche Art von Krankheit sie befallen haben könnte, eine, die jedes Gefühl auslöscht«, für Vigo, ihren Mann. Sie selbst ist Psychotherapeutin und was »die eigene Arbeit betrifft, ist sie im Reinen mit sich«. Als sie in dem »Guesthouse« in Mumbai ankommt, ist Vigo schon wieder weg. Er ist, unerreichbar, weitergereist nach Süd-Goa, in eine Bucht ohne W-Lan und Mobilfunk. Der Besitzer des Guesthouses, Rana Walter Panjabi, ein Inder, der fließend deutsch spricht und dessen Mutter dazu noch ganz in der Nähe von Teresas Heimatort geboren wurde, empfängt sie sozusagen mit offenen Armen und einem weiten Herz. Dementsprechend dauert es nicht lange, bis auch ihr Herz schneller schlägt. Doch Terese kann nicht bleiben, sie muss Vigo treffen. Sie will, sie muss klären, wie es mit ihr und ihrem Mann weitergehen soll, ja weitergehen kann. Sie sind gemeinsam gealtert und stehen jetzt vor einer entscheidenden Schwelle. Vigo war einst »Mitbegründer der Frankfurter Denkfabrik für gesellschaftliche Wege zur Abrüstung und Ächtung von Gewalt«. Er ist fasziniert von der Idee einer Welt ohne Waffen. Von dem Mann, den Vigo tatsächlich in der Bucht treffen will, erhofft er sich entscheidende Erkenntnisse für sein Buch. Doch als Teresa in Süd-Goa ankommt, ist Vigo auch dort schon wieder abgereist, zurück nach Mumbai. Also fliegt auch Terese zurück und direkt in die Arme ihres freudig überraschten Rana. Es geht also hoch und hin und her. In ständigen Rückblenden erfahren wir viel über das gemeinsame Leben des deutschen Paares, wie ihre Tochter Ava geboren wurde, wie sie ihre vielen Krisen bewältigt haben, wie sie immer wieder über eine Trennung nachdachten. Und ein weiterer Erzählstrang kommt hinzu: Vor über dreißig Jahren, als junge Mutter, begann Terese ein Verhältnis mit ihrem Mentor, dem hoch geschätzten, viele Jahre älteren Professor Schellenberg. Sie liebt an ihm das »Sprachgewaltige«. Den Kontakt zu der großen Liebe in ihrem Leben hielt sie bis zu seinem Tod. Terese erkennt auf ihrer Reise immer deutlicher, was sie selbst, was sie beide falsch in ihrem Leben gemacht haben. »Es war einer der frühen Fehler, sich durch analytisches Nachhaken die Illusionen über den Anderen zu nehmen, für ein Wissen, das nichts gebracht hat, nur das kurze Leuchten eines Begriffs, der den Anderen kleinmachte.« »Manchmal hilft Sachlichkeit gegen die Überschwemmungen von innen.« (Mit solchen Einsichten, die präziser nicht formuliert werden können, glänzt Kirchhoff immer wieder.) Ein großes Problem in ihrer Beziehung war für sie: »Vigo gibt sich nie eine Blöße, sie hat ihn auch nur einmal weinend erlebt.« Trotzdem kann Teresa, zurück in Mumbai, sich bald schon vorstellen, mit Rana gemeinsam ein Hotel am Meer zu betreiben. Da kommt eine neue Überraschung dazwischen. Ihre Tochter, Ava, ruft an. Sie bittet die Eltern, nach London zu kommen. Klar, dass die Eltern sich sofort auf den Weg machen. In London stellt Ava ihnen ihren zukünftigen Mann, einen Berufssoldaten, vor. Für Vigo eine echte Horrorvorstellung. Die »Verlobung«, die in einem schicken Tee-Salon stattfindet, schildert Kirchhoff grandios in einem slapstickhaften Kabinettstückchen. Eine verrückte Situation, viele groteske Szenen und einige Beinah-Katastrophen. Terese aber findet immer wieder im richtigen Moment noch eine Lösung und kann das Gespräch schnell in eine andere Richtung lenken. Als Mutter und Tochter auf die Toilette gehen, ist völlig klar, dass diese »›zwei Sterblichen‹, der Major und sein künftiger Schwiegervater, die zwar einander gegenüber saßen, aber Welten voneinander entfernt waren«, sich absolut nichts zu sagen hatten. Zurück im Café fragt Ava ihre Mutter, im Beisein von Vigo ganz nebenbei: »Trennt ihr euch?« »Was weiß ich«, ist ihre kühle Antwort. Eine schöne Pointe. Aber das Buch bietet noch mehr, weitere Erzählstränge, wie erwähnt, das Verhältnis von Terese zu ihrem einstigen »Mentor« Schellenberg. An Handlung hat Kirchhoff wahrlich nicht gespart. An weiteren Überraschungen auch nicht. Das Buch liefert wunderbare Beschreibungen des gegenwärtigen Indiens, ehelicher Kampfszenen, waffentechnischer Finessen und innige Vereinigungen heterosexueller Partner. Also: Ganz schön was los.
