Manchmal lohnt es sich, die ausgetretenen Pfade des Literaturbetriebs zu verlassen, denn es gibt doch so einiges jenseits von ihnen zu entdecken. Beispielsweise den französischen Autor Charles Derennes (1882l–1930), dessen phantastischer Abenteuerroman »Ungeheuer am Nordpol« aus dem Jahr 1907 jetzt erstmals auf Deutsch vorliegt.
Der wohlhabende Jean-Louis de Vénasque, den schon seit seiner Kindheit ein heftiger Entdeckerdrang quält, berichtet, dass er im Februar 1905 zufällig einen ehemaligen Schulkameraden, den Ingenieur Jacques Ceintras, getroffen hat. Beide verbindet, wie sie schnell feststellen, dass sie von Lenkballons fasziniert sind, »die von den Menschen, an zarten Gasblasen hängend, nach Belieben durch die Lüfte gesteuert werden«.
Ceintras glaubt, er könne so einen steuerbaren Heißluftballon konstruieren und mit ihm einen der Pole erreichen. Er brauche allerdings einen Geldgeber für sein kostspieliges Vorhaben. Mit de Vénasques finanzieller Unterstützung gelingt schließlich der Bau des fliegenden Apparats, und mit einem stattlichen Vorrat an Delikatessen, dem unvermeidlichen Rotwein und Cognac machen sich die zwei Franzosen auf den Weg zum Nordpol. Der Cognac wird später ihre gestressten Gemüter beruhigen.
An dieser Stelle ist zu bemerken, dass im 19. Jahrhundert die Luftfahrt in Gang gekommen war. Und wenn der alte Menschheitstraum vom Fliegen wahr zu werden begann, was sollte einen Literaten davon abhalten, noch ein bisschen weiter zu träumen, eventuell auch mit Albtraum-Momenten? Und warum sollte er sich bei seinen Träumen auf das Fliegen beschränken?
Schon ein Jahr vor »Le Peuple du Pôle«, wie das Buch im Original heißt, hatte Charles Derennes mit einer Kurzgeschichte einen ersten Versuch unternommen. Er stellte sich so in eine Reihe mit Jules Verne und H.G. Wells, über den er auch einen Zeitschriften-Beitrag verfasst hat. In seinem Roman verbindet er Elemente des Schauerromans mit treffenden psychologischen Einsichten.
Seine beiden Protagonisten entdecken, was vor ihnen noch kein menschliches Auge gesehen hat: aufrechte, echsenartige Wesen, die am Nordpol leben, und die Forscher reagieren höchst unterschiedlich auf sie. Der Erzähler de Vénasque zeigt sich nur bei der ersten Begegnung aggressiv, was ihm schnell verziehen wird. Die Nordpolbewohner waren über den unerwarteten Besucher anscheinend genauso erschrocken. Der Adelige vermutet menschenartige Regungen in ihnen und wirbt bei seinem aufgebrachten Freund um Verständnis. Doch den immer zorniger werdenden Ceintras erfasst eine (selbst)zerstörerische Psychose.
Die Echsen haben in ihrer Abgeschiedenheit mächtige Maschinen erfunden, die ihnen das Überleben am unwirtlichen Pol ermöglichen. Deshalb billigt ihnen de Vénasque eine höhere technische Intelligenz zu als den Menschen, was den wohligen Schauder bei den Lesern der französischen Erstausgabe verstärkt haben dürfte. Damals bewunderte man Dampfmaschinen und mechanische Geräte, Dampflokomotiven und Dampfschiffe als menschliche Großtaten.
Um de Vénasques Bericht in der Leserschaft etwas abzusichern, hat ihn Derennes mit einem Rahmen versehen, in dem Wissenschaftler zu Wort kommen. Am Ende scheint sogar der von de Vénasque als schwierig geschilderte Ceintras der umgänglichere und sympathischere Zeitgenosse von beiden gewesen zu sein.
Die deutsche Edition ist mit ihrem rein männlichen Personal und den schönen Schachtelsätzen klassischer Prosa eine gewagte verlegerische Unternehmung heutzutage. Unter dem Titel »Das blaue Licht« plant der in Heidelberg neugegründete Flur Verlag, weitere phantastische Werke herauszubringen, auf die man gespannt sein darf.
