Das hessische Pompeji – »Frankfurts römisches Erbe« im Archäologischen Museum

Nein, es war keineswegs »jungfräuliche Erde« wie der damalige Stadtrat und Baudezernent Hans-Erhard Haverkampf befand, als er in den 1960er Jahren die Nordweststadt entwerfen und erbauen ließ. Dutzende von Hobbyarchäologen, ganze Schulklassen und auch Grabräuber hatten schon ordentlich auf dem ausgeguckten Bau-Gelände herum gebuddelt, eben weil es da ganz einfach etwas zu holen (oder auch zu erforschen) gab. Römische Siedlungsfunde nämlich, die sich dort in großem Maße entdecken ließen. Wie viele Objekte damals aus der römischen Ruinenanlage verschwanden, verkauft wurden, in Privatbesitz oder Museen gelangten, z.B. nach London, ist nicht dokumentiert, aber entsprechende Fotoaufnahmen von Schulklassen und Hobbygräbern sind Teil der derzeit im Archäologischen Museum ausgestellten Exponate zu Frankfurts römischer Geschichte.
Und die war opulent. Nicht umsonst hat sich die Grabungsstätte als deutsches Pompeji einen Namen gemacht. Eine Sandstein-Statue des Jupiter gleitet hinein in den Parcours, der auf großflächigen Schautafeln und in ausgeleuchteten Vitrinen in die Vergangenheit entführt. In einem Zeitraum von etwa 300 Jahren (1. Jhr. n.u.Z.) entwickelte sich die Stadt Nida unter dem römischen Kaiser Vespasian zunächst zu Garnisonsniederlassung (mit bis zu 1.000 Soldaten) und Militärlager und später – eingebettet in ein strahlenförmiges Wege-und Straßennetz, dessen Verlauf bis zum heutigen Tag Bestand hat – zum Handel-und Wirtschaftszentrum im Grenzland des obergermanischen Limes. Der Radius ist damit abgesteckt: von den Ringwällen des Vordertaunus bis zu den eisenzeitlichen Salinen bei Bad Nauheim, also bis weit in die Wetterau hinein reichte die unmittelbare römische Einflusssphäre. Und die Stadt gedieh. Im wasser- und waldreichen Taunus blieb kein Baum neben dem anderen, die römischen Besiedler holzten den Wald komplett ab, brauchten das Material unter anderem für ihre Wohnungen, die den späteren mittelalterlichen Fachwerkbauten viel Inspiration boten. Nicht nur dies: wenn man sich die Grundrisse der damals gebauten Hausanlagen anschaut und sie mit einer Luftaufnahme der in den 1920er Jahren entstandenen »Römerstadt« vergleicht, lässt sich leicht nachvollziehen, wieso der Name so gut passt – auch unter römischer Besiedlung entstanden so etwas wie Reihenhäuser.
Wie reich an Funden die Erde und welch ein Abenteuer die Ausgrabungen tatsächlich waren – denn natürlich ist die Anlage schon im 19. Jahrhundert untersucht und frei gelegt worden – davon legen auch Fotografien leicht skurrilen Charakters Zeugnis ab, beispielsweise von einer leicht missgestimmt blickenden Dame unterm Sonnenschirm, die über einem ausgesprochen gut erhaltenen Skelett in seinem Grabe thront, aufgenommen zu Beginn des 20. Jahrhunderts anlässlich der Ausgrabungen in Nida.
Es ist die Stärke der Ausstellung, das damalige Leben bei aller historischen Sorgfalt auch anekdotisch zu neuer Kraft zu erwecken. Hier hat man beispielsweise auch einen Künstler wieder entdeckt, in dessen Grab viele Pigmentknollen und Farbtöpfchen gefunden wurden, darunter das kostbare Ägyptisch-Blau. Zwei fabelhaft erhaltene Gesichtshelme mit Verzierungen und Gravuren entstammen dem 3. Jahrhundert und wurden bei Heddernheim zutage gefördert, ebenso wie eine Wangenklappe aus Eisen, welche das kunstvolle Relief eines Kriegers zeigt. Zeichnungen versuchen, das Alltagsleben und die Alltagskleidung heraufzubeschwören und auch den Kultbereich mit kleinen Statuetten aus Buntmetall und Fragmente von Wandmalereien zu dokumentieren. Die Ruinenstadt hatte alles: Thermen, Tempel, Kunstwerkstätten.
Ganz allmählich erwuchs auf den Ruinen des römischen Nida, aus dem Ebel im heutigen Praunheim und dem Hügel des Doms das mittelalterliche Frankfurt. In dieser Schau kann man der Stadt praktisch beim Entstehen zusehen.

Susanne Asal / Foto: © Carsten Wenzel
Bis 26. April: Di., Do.–So., 10–18 Uhr; Mi., 10–20 Uhr, www.archaeologisches-museum-frankfurt.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert