Michael Bulgakows Roman »Meister und Margarita« geschrieben zwischen 1928 und 1940, erschien im Jahr 1967 und damit 30 Jahre nach dem Tod des Autors. Er avancierte aus dem Stand heraus bis in die 1980er Jahre zur Kultlektüre eigentlich für die halbe Welt. Besonders im Westen avancierte dieses völlig durchgeknallte Motivkonvolut mit Anleihen an schwarzen Messen, Vorgängen wie aus Drogendelirien, absurd-realen Persönlichkeiten, feiger Kriecherei und rasender Intellektualität zum strahlenden Manifest des Anti- Bürgerlichen. Man nahm es als ein chaotisches Hippie-Bohème-Kaleidoskop, das seine Einladung zur Dechiffrierung permanent selbst aussprach. Und das nachweislich Mick Jagger zu »Sympathy for the devil« angeregt hatte.
Doch um wieviel mehr fand es erst in der poststalinistischen Chruschtschow-Sowjetunion eine frenetische Leserschaft. Allerdings: Michael Bulgakow, dessen Theaterstücke sogar bei Stalin auf Wohlwollen trafen, konnte nicht verhindern, dass er aufgrund dieses Romans das Schicksal so vieler weiterer Kunstschaffender teilen musste: mit einem gepackten Koffer neben dem Bett zu schlafen, um bei einer drohenden nächtlichen Verhaftung vorbereitet zu sein. Der stalinistische Terror traf viele seiner Zeitgenossen: Dimitri Schostakowitsch, Anna Achmatowa, Boris Pasternak.
Jahrzehnte hat Bulgakow mit diesem Roman zugebracht, die letzten Kapitel seiner Frau ins Heft diktiert. Er verfasste eine der unglaublichsten Abrechnungen mit stalinistischem Terror, der allgegenwärtigen Korruption, des Ideen-Verrats, der unerträglichen Spitzeltätigkeit – eine aberwitzige Satire auf die Apologie des »Neuen Menschen« und den sozialistischen Realismus. Der Kniff, der es Bulgakow ermöglichte, mit scharfer Zunge seine Wut und seine Intelligenz gegen das autoritäre System subversiv zu wenden, ist die Schaffung eines Antipoden zum »Guten«: den Satan persönlich. Denn niemand Geringeres als der Teufel in Gestalt des »Ausländers und Professors der schwarzen Magie Woland« sucht Moskau heim. Ziel: die Welt der sowjetischen Ordnung durch Chaos aufzulösen, ja eigentlich jegliche gewaltförmige Ordnung aufzulösen.
Zusammen mit dem Übersetzer Korowjew, dem Handlanger fürs Grobe, Azazello, und einem auf zwei Beinen laufenden Riesenkater Behemoth setzt Woland den Glauben an den eigenen Verstand innerhalb der Moskowiter Gesellschaft den aberwitzigsten Proben aus. Und nicht wenige verlieren ihn dann auch. Wen er, der Satan, hingegen in eine andere Welt rettet, ist der »Meister« mit seiner Geliebten Margarita. Der hatte einen revolutionären Roman über Pontius Pilatus und Jesus geschrieben, grundiert mit dem Motiv, dass, wenn der Mensch in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit eintrete, es keine Macht mehr gäbe. Ein Motiv, das dem Autoren, dem »Meister«, die schärfsten Kritiken der Moskowiter Literaturzirkel einbrachte, und Bulgakow macht ein feines dralles Vexierspiel daraus, das, so absurder es sich entwickelt, desto wahrheitsgemäßer ausfällt … Die staatliche Macht jedenfalls erkennt sofort, welche aufrührerisches Potenzial dieser literarischen Konstruktion innewohnt, und treibt den Autoren in den Wahn.
Derweil entfaltet sich in Moskau das irrsinnige Spektakel des Satans und seiner Gehilfen inklusive einer schwarzen Messe comme il faut, Faust lässt grüßen. Die Stadt stürzt ins unbeherrschbare Chaos, und die Machtmechanismen versagen. Menschen sterben, Menschen verschwinden oder landen in der Psychiatrie, die ihre Mittel kennt, um Menschen ruhig zu stellen.
Wie fängt man nun diese anarchische Ideenfülle ein, die buchstäblich jede Buchseite sprengt, diese auch anstrengende Klugheit, und bringt sie auf die Geometrie einer Bühne? Vielleicht genau so? Kein Hexensabbat, kein magischer Firlefanz. Als Geometrie.
Bulgakow hat auf den letzten Seiten seines Romans eigentlich schon eine Regieanweisung vermittelt, die der Regisseur Timofej Kuljabin, vor vier Jahren aus Russland emigriert, jetzt aufgreift. »Die allergrößte Hochachtung verdient auch die Arbeit der Ermittlung. Es wurde keine Möglichkeit ausgelassen, nicht nur die Täter zur Strecke zu bringen, sondern auch, um hinreichend zu überprüfen, was überhaupt Tatbestand war!«
Hierfür wurde der 500 Seiten starke Roman mit über 150 Personen im genialen Handstreich auf 29 Verhörszenen abgeschmolzen. Kein Meister, keine Margarita, kein Woland mitsamt Entourage. Sie kommen nur als Täter, Verursacher des Chaos aus der Perspektive der Zeug*innen vor. Kuljabin lässt hier ein Bulgakowsches Panoptikum aus 14 Personen paradieren. Die Kioskverkäuferin, der Dichter Besdomnij, Anuschka, Warenukha, Rimskij, der Buchhalter, der Restaurantchef, der Duckmäuser, der Abgebrühte, der Verunsicherte, der Hochnäsige, der Eingeschüchterte, der Spitzel, der Ungläubige. Sie alle werden von Ermittlern befragt, also verhört. Wolfgang Vogler, Manja Kuhl und ganz besonders Stefan Graf versuchen ihr Bestes, alles von Scheinheiligkeit bis zur rohen Gewalt, um aus dieser vielstimmigen Zeugenschaft Brauchbares herauszubekommen. Auf der weiten Bühne (Oleg Golovko) werden fünf Verhörkabinen unter musikalischem Vorspiel (Timofey Pastukhov) abwechselnd aus dem dunklen Hintergrund nach vorne geschoben. Die obere Hälfte ist Leinwand, zeigt historische, in Sepiatönen getauchte Aufnahmen der tatsächlichen Spielorte, später dann die Verhörten in Großaufnahme. Absolut eindringlich ist das.
Doch eine inszenatorische Hürde gibt es, die das strenge Regiekorsett der knapp dreistündigen Spieldauer abverlangt. Es kommt nun auf den jeweiligen Schauspieler an, wie er sein Verhör gestaltet, seine Szene in Imaginationen überführt. Wie sich Michael Schütz da vor dem Publikum allein mit halbgläubigen Worten in ein fliegendes Schwein verwandelt, ist tatsächlich purer Bulgakow, und Stefan Graf der versierteste, schonungsloseste, gleichzeitig verzweifeltste Ermittler. Rokhi Müller, Sebastian Reiß, André Meyer, Matthias Redlhammer, Uwe Zerwer spielen so unverstellt wie nur möglich. Die Strenge dieser Anordnung löst sich ins Chaos auf, und doch …
Kuljabin hat einen Nawalny-Schluss gefunden: Die gesamte Spieldauer über schwebt eine Unsicherheit im Raum: werden die Verhörkabinen wieder nach vorne gefahren? Oder dieses Mal nicht? Wer wird noch verhört und wer nicht mehr? Dies verleiht der aufgekratzten Turbulenz einen drohend düsteren Untergrund. Besdomnij, der eindringliche Christoph Bornmüller, der in der Psychiatrie der Nachbar des Meisters war, der sich während des Verhörs zunehmend beklemmend in ihn verwandelt, ist das Opfer. Er wird aus dem Verkehr gezogen. Es hat den Patienten aus Zimmer 118 nie gegeben. Es hat überhaupt nichts gegeben.
Und damit hat Timofej Kuljabin die tatsächlich aktuellste Lesart für den »Meister« gefunden.
