Die Schirn zeigt die Soloschau »Fröhlich Sein!« mit Werken von Thomas Bayrle

Wenn Max Beckman eine Frankfurter Version Picassos ist, dann ist der Frankfurter Thomas Bayrle eine intellektuelle Version Andy Warhols! Das darf man so sagen, weil Bayrle selbst in Versionen von Individuen denkt – die in ihrer Eigenart maßgeblich zum Kollektiv beitragen.
Bayrle behandelt in seinem Werk grundlegende Aspekte der modernen Gesellschaft, er versteht die Konsumwelt als einen Kreislauf, der von der Wirtschaft ausgelöst und am Laufen gehalten wird. Mit dieser Tatsache setzt er sich in seiner Kunst kritisch auseinander. Und schafft Werke mittels unzähliger Kopien immer gleicher Symbole, gereiht, gebogen, verschachtelt; durch Varianz in Farbe und Raster ergeben sie, sich ergänzend, das eigentlichen Motiv. So ist ein Portrait des Massenidols Kim Kardashian nichts anderes als eine reihenweise Anordnung roter Lippenstifte.
Bayrle nennt dieses, sein Genre, »Superformen«. Man muss es sich vom Prinzip vorstellen wie die Maltechnik des Pointilismus. Oder wie das klassischen Druckraster aus Zeiten des Siebdrucks: viele kleine Pünktchen, unterschiedlich dicht, groß, farbig, erzeugen dem Auge den Eindruck der eigentlichen Abbildung. Die Symbole, die er künstlerisch aufgreift entstammen der Konsumwelt (z.B. Lippenstifte) und des technischen Fortschritts (z.B. Handys). Er kontrastiert mit Motiven der Religion (z.B. dem Gekreuzigten), des Verkehrs (z.B. Scheibenwischer), mit zutiefst Persönlichem, Helke, seiner verstorbenen Frau und Künstlerpartnerin, deren Portraitreihe den Anfang der Ausstellung macht.
Über 50 Werke unterschiedlicher Medien – Drucke, modellartige Collagen aus Graupappe, eine Videoinstallation und Projektion, ein Teppich, mehrere Maschinen, Autoreifen, Skulpturen sind zu sehen. Sie erschließen sich dem Besucher in der ehemaligen Dondorf-Druckerei, diesem wunderschönen Backsteingebäude, das dankenswerterweise vor der Abrissbirne des öffentlichen Zeitgeistes gerettet und Dependance der Schirn geworden ist. Auch Bayrle, 1937 geboren, kommt vom Druck, er hatte in den 1960ern eine eigene Druckerei mit Kunstverlag, die Gulliver Press und davor den Beruf des Webers und Musterzeichners gelernt. Das Weben als Technik des Ineinanderbindens einzelner Fäden zu einem großen Gewebe, das Einzelmotiv, das allein durch die Repetition zum Muster wird; und musikalisch untermalt vom rhythmische Maschinenrattern und -klackern des Jaquardwebstuhls – diese Urerfahrung des Prinzips Wiederholung ist zum Mittel in Bayrles ganzem Schaffen geworden, zum Motiv des Rhythmus, das seinem Werk immanent ist. Und das für den zutiefst ernsthaften Künstler Sinnbild der Gesellschaft ist, an der folglich jeder beteiligt ist, eingewoben in ein großes Ganzes. Bayrle hat viele zeitgenössische Künstler in seiner Zeit als Professor an der Städelschule geprägt, darunter Tomás Saraceno, Tobias Rehberger, Martin Liebscher.
Absolutes Lieblingsmotiv der Soloschau ist ein Diptychon, man erkennt sofort, obwohl sich die Konturen nur sehr subtil dem Auge zeigen: der Papst, zusammengesetzt aus lauter paarweisen, comichaft stilisierten Herrenschnürschuhen. Als Papst trägt man nun mal solche Latschen, in rot – herrlich!
Thomas Bayrle hat diesen ungemein guten, subtil-feinen Humor: »Fröhlich Sein!« – ja, unbedingt!

Laura J Gerlach / Foto: Thomas Bayrle, Pope II, 2021
© Thomas Bayrle, VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Courtesy the artist and Gladstone Gallery, New York,
Foto: Wolfgang Günzel
Bis 10. Mai 2026: Di.–So., 10–19 Uhr; Do., 10–22 Uhr
www.schirn.de

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