Ein Baum verschwindet »Solastalgie. Spaziergänge durch veränderte Landschaften« im MGGU

Der Ton ist gesetzt. Solastalgie, das beschreibt in den Worten des australischen Philosophen Glenn Albrecht das Gefühl der Trauer über eine bedrohte Heimatlandschaft – und zugleich die Sehnsucht nach Trost und Verbundenheit. Geprägt hat er diesen Begriff im Jahr 2005. Wenn man nun annehmen könnte, Startbahn West, der Fecher, der Danni, all die Verluste einer bedrohten Heimatlandschaft, welche die Frankfurter Stadtgesellschaft in jüngerer Vergangenheit zu ertragen hatte, könnten sich in diesem Ausstellungsparcours des Museum Giersch der Goethe-Universität wiederfinden, wird eines Besseren belehrt, denn es geht nicht um bloß dokumentarische Bezüge, sondern um Überführung in künstlerische Positionen. Die Landschaft verschwindet, aber Klimaschutz und der Kampf dafür sind derzeit so unsexy wie nur möglich. Sehr, sehr schade.
Aber vielleicht kämpft auch die Kunst? Schauen wir uns einmal an, was hier nun zu sehen ist. Melancholie, Trauer, Solastalgie – davon spricht die gesamte erste Etage, die der britische Künstler Asad Raza gestaltet hat. Auf einem Plüschteppichboden, dessen königliches Rot auch dem Buckingham Palace gut anstünde, und unter blitzenden Kristallleuchtern hat er in Kübeln 26 Bäume gepflanzt und aufgestellt, die erwiesenermaßen gut mit den Bedingungen des Klimawandels umgehen können. Als da sind Tamariske, Fächerahorn, Erdbeerbaum, Magnolie, Olive, Kreppmyrte, Quitte, Steinlinde, Scheinzypresse – sie repräsentieren den globalen Raum, stammen aus Japan, Spanien, China, sind Trägerinnen von Mythen und Märchen und bilden ein lebendiges Netzwerk. In diesem Kontext verhalten sie sich unter rosa Led-Lichtern ausgesprochen lebendig – sie bilden zarte neue Triebe aus, welken vor sich hin, werfen ihre Blätter ab, die sich zu Häufchen um ihren Kübel aufschichten, um den Kreislauf der Natur sinnlich erfahrbar zu machen – na gut, ein Blick aus dem Fenster der Museumsvilla tut das eigentlich auch.
Begleitet wird diese Bauminstallation von Gemälden aus dem Besitz des Museums, die historische Positionen der Landschaftsmalerei wiedergeben – Anton Burgers großformatige »Begegnung im Walde« von 1882, voller spätromantischer Idylle, wie auch sein »Blick auf Kronberg« oder »Waldinneres« seines Schülers und Mitglieds der Kronberger Malerkolonie, Fritz Wucherer. Caspar Schneiders »Ideale Rheinlandschaft« von 1819 entstammt dem klassizistischen Formenkreis. Seinen »Garten des Künstlers im Schnee« aus dem Jahr 1927 zeigt der jüdische Maler Jakob Nussbaum hingegen alles andere als lieblich: schwarze Baumskelette strecken ihre Glieder in den kahlen grauen Himmel, purer Expressionismus.
Ohne royalen Pomp geht es in den oberen Stockwerken weiter, die Begleitung durch idealisierte oder romantische Bildlandschaften bleibt hingegen bestehen und liefert den Exponaten tatsächlich ein tröstendes Gegengewicht, besonders dem Film »Rare Earthenware« des Künster*innenkollektivs Unknown Fields Division aus dem Jahr 2015, das den Abbau seltener Erden in China in der Rückabwicklung zeigt. Dieses Stilmittel erscheint simpel, ist aber nichts weniger als ausdrucksstark: die scheinbar dokumentarische Form versteht sich als stringenter Protest gegen globale Lieferketten und ökologische Schäden. Den Film flankiert das Kollektiv mit Vasen, die nach antikem Vorbild aus ebendiesem Material gestaltet wurden und deren verwendete Menge exakt der entspricht, die man für die Herstellung eines Smartphones benötigt. Bildkontrast: Der Blick in das Porträt eines treuäugigen Hundes.
Sich mit dem Bestehenden auseinanderzusetzen und daraus eine berührende Poesie zu entfalten hat Marcus Maeder mit seiner Arbeit »Spreepark Multispezies Bau« erreicht. Fotos dokumentieren dieses Berliner Biotop; er setzt aber auch Wildkamera und Audiorecorder ein und komponiert dadurch eine ganz eigene Lebenswelt der Natur inklusive Vogelstimmen, Astknacken und Blätterrauschen.
Es ist schön, dass sich Künstler mit dem Verglühen der bestehenden Natur auseinandersetzen und diesen Prozess mit ihren Mitteln fassen. Vom bloßen Betrachten ins Tun wechseln, das wäre doch mal was. Hat nicht im November die Polizei ein Camp am Langener Waldsee geräumt, das aus Protest gegen Rodungen eingerichtet worden war? Kleiner Tipp: Jeden dritten Sonntag im Monat finden Waldspaziergänge durch die Fechenheimer Wald – und Auenlandschaft statt.

Susanne Asal
Foto: Ferdinand Brütt: Spaziergang im Garten der Villa in Kronberg im Taunus, 1918,
Sammlung GIERSCH, Frankfurt a. M., © Sammlung GIERSCH, Foto: Uwe Dettmar
Bis zum 15.2., Führungen, Programm
www.mggu.de

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