Der Bühnenabend beginnt mit einer Führung. Ein Modell von Auguste Rodins berühmter Bronzeplastik »Die Bürger von Calais« sei zu bewundern, erklärt der weibliche Museumsguide (Cecilia Schneider). Die Gäste im Frankfurter Kellertheater haben keine Wahl: Auf dem Weg zum Stück, das den gleichen Titel trägt wie die Skulptur, müssen sie ihr durch die kleinen Katakomben folgen. Was sie vorfinden, ist nicht das, was sie erwarten. Doch nun sind sie mittendrin in der Geschichte aus dem Hundertjährigen Krieg.
Es geht um Haltung, um Opfer, die der Einzelne für die Gesellschaft bringt. Um schwere Entscheidungen und ihre Folgen. Und darum, was einem das, wofür man einstehen will, Wert ist. Der Expressionist Georg Kaiser hat das Drama um die Stadt, die bis heute, je nach Richtung, das Tor nach Frankreich oder England darstellt, geschrieben; 1917 wurde es in Frankfurt uraufgeführt. Der Autor setzt voraus, dass dem Publikum der historische Hintergrund bekannt ist. Regisseurin Anja Becker, die das Werk als Koproduktion mit dem Ensemble C & O im Untergrund des Hauses Mainstraße 2 inszeniert, lässt die Zuschauenden mitspielen: Auf ihren Sitzen stellen sie das Plenum dar, in dem sich auch die Gewählten Bürger befinden, die Sprechrollen ausfüllen. Dass diese sich immer mal mit Zwischenrufen melden, flüstern, zischen, lockert die Eingangsszene auf; ansonsten kommt das Geschehen nur schleppend in Gang.
Der englische König Edward III. droht nach langer Belagerung, die französische Hafenstadt zu zerstören, sollten sich am nächsten Morgen nicht sechs Einwohner mit dem Schlüssel freiwillig in seine Hände geben, um den Hals bereits die Schlinge tragend, die dann zugezogen werden könnte. Weil sich bei der Zusammenkunft sogar sieben Opferwillige finden, stellt sich die Frage, wer den schweren Gang nicht antreten soll.
Becker, die selbst die Mutter eines der Kandidaten spielt, belässt die Dichtung im Handlungszeitraum, auch was die selbst kreierten Kostüme betrifft, obwohl sich genügend Parallelen zu heute finden. Die gewählte Fassung des Dreiakters nimmt den Tod von Eustache de Saint-Pierre (Anna-Sophie Sattler) vorweg; der Vermögende hatte sich als Erster bereit erklärt, der Forderung der Feinde nachzukommen, und sollte später, auf Drängen des Volkes, ein rechtzeitiges Urteil darüber in die Wege leiten, wer zu verschonen sei. Der wachsenden Spannung schadet diese Anordnung nicht; das überwiegend aus Amateuren bestehende, zwölfköpfige Ensemble um Redeführer Martin Sonnabend alias Jean de Vienne spielt sich im Laufe der pausenlosen 90 Minuten immer besser ein. Zudem hebt Becker auf diese Weise die Zerrissenheit des Protagonisten und damit auch jene seiner Genossen hervor, die ansonsten emotional blass bleiben.
Eine Trompete, die mehrfach ertönt, angestimmt von Klaus Storck, erinnert an die tickende Zeit; ein Ausschnitt aus Charles Ives‘ »The Unanswered Question« verstärkt den beklemmenden Effekt thematisch passend, aber unterschwellig bleibend. Für jene, die das Ende noch nicht kennen, dürfte es überraschend sein. Die anderen staunen wohl eher über den beeindruckenden Beginn.
Eine Heldentat – »Die Bürger von Calais« im Kellertheater