Obwohl – ob das so eine gute Idee ist, wenn man Besucherströme aus dem Weg gehen will? Auf alle Fälle ist es die bessere. Philipp Demant und das Kuratorenteam um Eva Mongi-Vollmer und Alexander Eiling haben sich alle erdenkliche Mühe gegeben, in diesen wilden Küstenabschnitt der Normandie einzuladen, ihn vor sich aufflimmern zu sehen, das Licht, die Wellen, die Schaumkronen, die schroffen Felswände, die dunklen Schründe, den zarten Sand. Die Fischer, die Wäscherinnen, die Bauern, die Badegäste. Vorbildlich.
Jedenfalls leidet diese so oft gemalte, beschriebene, beschworene Küste unter schrecklichem Overtourism, auf 1.200 Einwohner kommen 2,5 Millionen Besucher jährlich, die sich vor den berühmten Felsen abfotografieren lassen. Damit hat die Gemeindeverwaltung jetzt Schluss gemacht, bestimmte Abschnitte sind für Besucher gesperrt, denn was Wind, Wasser, Klimawandel nicht endgültig schaffen, das schaffen wohl Touristen – die Natur ernstlich in Gefahr zu bringen.
Jenseits des romantischen Naturschauspiels sind die berühmten Kalksteinfelsen von Étretat nämlich nicht nur ein Ort von nahezu mythischer Schönheit, dem ihr Nationaldichter Victor Hugo die Eigenschaften einer antikischen Architektur attestierte, sondern auch eine vielfach porträtierte Imagination der bedeutendsten französischen Maler der Moderne Camille Corot (1796–1875) Gustave Courbet (1819–1877) und Claude Monet (1840–1926). Sozusagen eine Wiege der Kunst. Die schwärmerische Beliebtheit des Küstenstrichs unter den Künstlern, beispielsweise bei Monet, hatte allerdings auch einen handfesten monetären Grund: dessen Kunsthändler trug ihm unmissverständlich auf, Étretat zu malen, denn Étretat, insbesondere die Felsentore von Aval und Manneporte, gingen gut. Die Bilder ließen sich super verkaufen. Und so mietete sich Monet samt Familie in Étretat ein, zunächst bei so lausigem Wetter, dass er erst einmal vom Fenster aus malte. Später dann kannte seine Entdeckungslust keine Grenzen. Er wagte sich in Steilabhänge ans Meer hinunter, die heute schon lange gesperrt sind, stets begleitet von einer Kinderschar, die ihm Leinwände und Farben hinterhertrug. Und wonach suchte er? Das wird diese superbe Ausstellung zeigen.
Die Begeisterung für diesen Ort in der Normandie schürte der Legende nach Marie Antoinette, die die dortigen Austern so sehr liebte. In der Ausstellung gibt es ein kleines Gemälde von Alexandre Jean Noël aus dem Jahr 1786 zu sehen, das die Austernzucht zeigt. Anschließend erregten die wildromantischen »Alabasterfelsen« allein wegen ihrer Beschaffenheit auch wissenschaftliches Interesse, und romantische Landschaftsmaler wie Eugène Isabey (1803–1886) und Johann Wilhelm Schirmer (1807–1863) fanden hier ihr Ideal. Von Mitte des 19.Jahrhunderts an entwickelte sich ein Seebad, und Ende des 19. Jahrhunderts wird zu diesem abgeschiedenen Ort eine Eisenbahnstrecke gebaut. Étretat wird bereits 1838 in Reiseführern geschildert, das Hotel Blanquet schmückt sich mit dem Namen »Au rendezvous des artistes«. Die Gemälde sind schlichtweg auch – Marketing.
So viel zum Hintergrund. Für das Entree des Parcours hat sich das Städel eine immersive Projektion der Klippen einfallen lassen, welche auf einem dreidimensionalen Scan des Ortes beruht, der auf zwei Leinwänden übertragen wird. Man fühlt sich als Betrachter wie auf einem Boot auf dem Meer, das unter Möwengekreisch und Wellengewoge Étretat umrundet. Das ist mehr als Einstimmung, das ist Verführung.
In den folgenden Sälen, auf sand-meer-steinfarbenen Wänden, wird nun die Geschichte dieses Ortes sorgfältigst heraufbeschworen, und man möchte meinen, keine Perspektive wurde ausgelassen. Es ist NUR Étretat, und trotzdem kann man sich nicht satt sehen. Es erblüht ein nicht nur künstlerisches, sondern auch gesellschaftliches Panorama dieser Zeit. Abseits der Landschaftsportäts gibt es dörfliche Genremalerei zu sehen, Fischer, Wäscherinnen, Badegäste, die sich mit Karren ins Meer ziehen lassen. Familien, die sich am Strand vergnügen. Ein strohgedecktes Bauernhaus. Die Bleistiftzeichnungen von Victor Hugo. Wenn man die Gemälde von Le Poittevin von 1866 betrachtet, wunderbar lichterfüllte Szenen voller Badegäste, kann man sich gar nicht vorstellen, dass gleich nebenan Claude Monets und Gustave Courbets völlig menschenleere romantische Naturbildnisse hängen, die die launenhafte Kraft der Natur zu bannen versuchen. Ist dies wirklich derselbe Ort?
Guy de Maupassant, der dort geboren wurde, versorgte Gustave Flaubert mit Beschreibungen und Skizzen dieser Gegend, die dieser dann in seinem letzten Roman »Bouvard und Pécuchet« verarbeitete. Der Fotokünstler Elger Esser hat die Orte aufgesucht, die den Briefwechsel der Beiden füllen, und mit der Großbildkamera festgehalten. Der fiktionale Meisterdieb Arsène Lupin hortet seine Kunstschätze in der hohlen Aiguille d’Étretat. Eine ganze Wand ist mit alten Postkarten des Ortes gefüllt.
Und dann natürlich: Gustave Courbet und Claude Monet, die beiden großen Protagonisten. Dass sie hier so prachtvoll vertreten sind – mit 24 Exponaten allein von Monet – ist Leihgaben aus New York, Berlin, Cambridge, Ottawa und dem Musee d’Orsay in Paris zu verdanken. In einem mandelförmig gestalteten Raum umkreisen seine Gemälde die Betrachter. Die impressionistische Haupt-Ingredienz: das Licht. Es spielt malerisch mit den Felsstrukturen, es schäumt die Wellen auf, es flirrt voller Bewegung. Zarte rosa und gelbe Lichtpunkte sind auf das Meer gesetzt, hell verwischte Schattenlinien auf den Fels gelegt. Die Landschaft wirkt wie vom Licht aufgelöst.
Ganz anders Gustave Courbet, der Jahre vor Monet die Küste besucht hatte. Seine hochdramatisch dunkel getönten Wogenbilder und Wasserhosen erfassen wirbelnd die stürmische Natur, sein »Die Felsküste bei Étretat« von 1869/70 zeigt die Felsen wie mächtige Monolithen.
170 Exponate sind in dieser Schau zusammengekommen. Schöneres, Ehrenderes lässt sich zu Étretat vermutlich wirklich nicht sagen.
Fahren Sie bloß nicht nach Étretat! Gehen Sie lieber ins Städel – »Monets Küste«