»Flucht ins Glück« in der Volksbühne

Mit der Volksbühne ist es Michael Quast gelungen ein Theater zu etablieren, das für eine (wenn auch eher paradox, da zuallererst aus der Perspektive älterer Zuschauer*innen) zeitgemäße Form der Unterhaltungskultur steht – nicht selten auch mit politischen Motiven, wie etwa »Nachverdichtung. Ein Häuschenkampf.«, ein Stück des Hausautors Rainer Dachselt zur Wohnungsfrage. Unterhaltsamkeit und Politik bringt in einer ganz anderen Form nun auch der Abend »Flucht ins Glück« überein. Es ist die Form des amerikanischen Vaudevilles oder auch der englischen Music Hall, auf die sich die Volksbühne, wie in Quasts üblicher Vorrede zu Beginn der Vorstellung bekundet, mit diesem »Kino-Varieté« bezieht – die landläufigen Vorstellungen von Artistik & Co. jedoch werden hier nicht bedient.
Zentral ist die Vorführung zweier Stummfilmklassiker, »Liberty« mit Stan Laurel und Oliver Hardy (1929, Regie: Leo McCarey) und Charlie Chaplins »The Immigrant« (1917). Uwe Dierksen, Posaunist beim Ensemble Modern hat Musiken für ein fünfköpfiges Ensemble – zuzüglich Quast als Geräuschemacher – geschrieben. Schmissig gleich die zirkusmusikartige Ouvertüre. In einem Schattenspiel schippert Quast über ein sägezahnartiges bewegtes Meer, sein Boot kentert, schließlich gelangt er aber doch zur Küste mit der Freiheitsstatue. Die Krabbe in der Hose, von der der Schiffsbrüchige gepeinigt wird, wird hernach in Laurel & Hardys »Liberty« eine Rolle spielen. Dierksens Musik bringt im Folgenden Merkmale der klassischen Stummfilmmusik mit Klangwelten zwischen Weill und Strawinsky zusammen.
Laurel & Hardy befinden sich zu Beginn als Sträflinge in grotesk-wilder Verfolgungsjagd auf der Flucht. Wofür sie verurteilt worden sind, erfährt man nicht, man kann jedoch davon ausgehen, dass die beiden entgegen den Verheißungen der amerikanischen Gesellschaft – vom Tellerwäscher zum Millionär – nicht sonderlich gut gestellt sind und in der Folge mit dem Gesetz in Konflikt gerieten. Herzerfrischend der Slapstick, gesteigert in der berühmten Szene, in der das Duo sich auf der Flucht vor einem Polizisten plötzlich in der aberwitzigen Situation der schwindelnden Höhe des Stahlskeletts für einen im Bau befindlichen Wolkenkratzer finden.
Reich ist der Film an Subtexten: Das Bild zweier Männer beispielsweise, die in Hintergassen oder Taxen ihre zuvor vertauschten Hosen zu wechseln versuchen und immer wieder bei Passanten oder Polizisten Anstoß erregen, lässt sich auf Prüderie der Gesellschaft beziehen und gar als Satire auf das Verbot der Homosexualität lesen. Nicht umsonst spielt der Titel »Liberty« auf den amerikanischen Gründungsmythos an – derweil die Realität für viele eine erbärmliche ist. Seiner Armut wegen in Konflikt mit einer Autorität, in diesem Falle einem die Rechnung einfordernden Kellner von massiver Gestalt, gerät auch Charlie Chaplin in »The Immigrant«.
Von der slapstickgetriebenen Heiterkeit der Stummfilme mit ihrem Elendshintergrund schlägt Quast als Conférencier im Nadelstreifenanzug in literarischen Kontrapunkten einen Bogen bis in die Gegenwart. Er trägt eine Reihe von Stellen aus Texten unter anderem von Hanna Arendt, Mascha Kaléko und Ilja Trojanow – »Flucht kann ein Akt des Widerstands sein« – wie auch aus einem UN-Flüchtlingsbericht vor, die sich auf die Situation der Migration beziehen. Das komische eine ergänzt sich ideal mit dem ernsten anderen. Vom Traum von einer Flucht ins Glück in die Wirklichkeit einer existenziell heiklen Situation: Die Freiheitsstatue im Schattenspiel zu Beginn begrüßt den Migranten mit einem Seil mit Schlinge.

Stefan Michalzik / Foto: © Andreas Malkmus
Termine: 15. März, 17 Uhr; 28. März, 19.30 Uhr
www.volksbuehne.net

 

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