Ménage à trois – »Das Bildnis des Dorian Gray« am Schauspiel Frankfurt

Nicht nur die Vergänglichkeit lässt sich im Laufe der Zeit an einem Gesicht ablesen. Auch das, was ein Mensch denkt, wie er handelt, hinterlässt bleibende Spuren. Der irische Schriftsteller Oscar Wilde hat dies in seinem faszinierenden Werk »Das Bildnis des Dorian Gray« thematisiert; was erst als Erzählung angelegt war, hat sich ein Jahr später, 1891, zu seinem einzigen Roman ausgeweitet. Das damals, im sittenstrengen viktorianischen England, als moralisch verwerflich kritisierte Buch mit seinen homoerotischen Anspielungen wurde später auch im Unzuchtsprozess gegen Wilde angeführt. Der Männern zugeneigte Dichter wurde zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
»Basil Hallward ist das, wofür ich mich halte; Lord Henry ist das, wofür die Welt mich hält; Dorian das, was ich gern sein möchte, in fernen Tagen, vielleicht« – so hat Wilde sich einmal in Verbindung zu seinen drei Protagonisten gebracht. Der israelische Regisseur Ran Chai Bar-zvi fokussiert sich in seiner Inszenierung der Geschichte für die Frankfurter Kammerspiele genau auf dieses Trio. Von anderen Personen wird nur gesprochen. Dafür wird die ménage à trois intensiviert.
Allein schon Stefan Graf dabei zuzuschauen, wie er den Schönling aus dem Titel begehrt, welche Blicke er für ihn übrig hat, während er andere mit Verachtung straft, ist ein höchst amüsantes Vergnügen. Als Harry, wie der Lord von seinen Freunden genannt wird, spielt er den arroganten Dandy par excellence, inklusive all der Bonmots, die von der Lektüre noch hängen geblieben sind oder sich eindrücklich in die Erinnerung schieben. Ihm gegenüber steht Miguel Klein Medina als jener Künstler, der, nicht weniger betört, das Bild anfertigt, das sich statt seines Motivs verändern wird. Mitja Over wiederum obliegt es, sich als Vorbild für das Porträt vom mähenden Lämmchen, das bei seinem ersten Auftritt ein passendes Felljäckchen trägt, innerhalb von 90 Minuten in einen selbstverliebten, skrupellosen Widerling zu verwandeln, der achtlos über die vorderen Reihen der Zuschauersitze steigt, wie ein Star, der seine Fans dazu zwingt, ihn in ihrer Begeisterung zu baden. Um diesen Charakterwandel zu unterstreichen, färbt sich die von Belle Santos entworfene Kleidung des Engelsblonden vom unschuldigen Weiß zu blutigem Rot.
Die vielleicht größte Stärke der Inszenierung liegt aber darin, in den Mienen das widerzuspiegeln, was nicht zu sehen ist. Weder Dorians Darstellung auf der Leinwand, sowohl während des Schaffensprozesses als auch nach ihrer grauenvollen Veränderung, wird gezeigt noch die offenbar unterirdische Leistung der Schauspielerin Sibyl Vane, für die der Jüngling erst leidenschaftlich schwärmt, die er danach aber kaltherzig fallen lässt. Von Enttäuschung über Fassungslosigkeit bis Ekel reicht die Palette dessen, was da zu erkennen ist. Die Köpfe sind in diesen Momenten, die lange ausgekostet werden, zum Publikum gerichtet. Das Starren und Glotzen wirkt bisweilen unangenehm; weiß man doch nicht wirklich, was die Herren sehen oder in ihre Gegenüber hineininterpretieren. Auch die Bühne liefert keine Anhaltspunkte, ist hell und leer bis auf eine sich drehende Trennwand in der Mitte.
Das Ende birgt Unerwartetes, und es schließt sich ein Epilog von Marcus Peter Tesch über Penetrationen an. Auf den berühmten Ausspruch, dass schlechtes Theater nicht gut sei für die Moral, wird nicht verzichtet, und er ruft im Raum auch Reaktionen hervor. Bange sein muss in dieser Hinsicht an diesem Abend aber niemandem.

Katja Sturm / Foto: Robert Schittko
Termine: 8., 18. Januar, 20 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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