»Morgen ist (vorläufig) immer da« in der Schauspiel-Box

Warum aufstehen, wenn es doch gerade so gemütlich ist? Warum schon heute mit etwas Neuem beginnen, wenn doch auch später noch genügend Zeit dafür ist? Denn: »Morgen ist (vorläufig) immer da.« So heißt das Ein-Personen-Stück der in Berlin lebenden Serbin Iva Brdar, das gerade in deutscher Erstaufführung in der Frankfurter Schauspiel-Box zu sehen ist. Die namenlose Protagonistin könnte eine typische junge Frau von heute sein, die ihre Kontakte am liebsten im Internet knüpft. Das Zimmer, in dem das Publikum ihr begegnet, von Swenja Zoé Trebeljahr eingerichtet, ist so unaufgeräumt wie sie selbst: Pizzakartons im Hintergrund, weiter vorne ein noch unfertiges Puzzle, ein Schachspiel, auf dem nicht mehr alle Figuren stehen. Doch es gibt auch ein Fotoalbum, in dem die Bilder hinter einer Plastikfolie kleben, und einen tragbaren Kassettenrekorder, Utensilien, die darauf hinweisen, dass das, was hier zu sehen ist, vom Grunde her auch in andere Zeiten passen könnte.
Einsamkeit quält die gemütlich Gewordene, die nur einen bequemen Kurz-Pyjama, von Henrike Reller entworfen, trägt. Also macht sie sich online auf die Suche nach einer passenden Partnerin. Wie diese sein soll, hat sie auf gelbe Post-its geschrieben und diese auf ein romantisches Gemälde gepappt. Schnell wird sie fündig, doch vor lauter Glück übertreibt sie es: Die andere ghostet sie, nachdem ein Füllhorn an Fragen auf sie herabgerieselt ist. Das kann die Isolierte nun wirklich nicht fassen.
Viel Bekanntes sieht und hört das Publikum in der knappen Stunde, Neues erfährt es eher nicht. Das Spiel unter der Regie von Vincent Schlarbaum, für den es die erste eigenverantwortliche Inszenierung ist, könnte also einfach so dahinplätschern, bis es fertig ist. Doch das lässt Schauspielerin Annie Nowak nicht zu. Mit großen Augen blickt sie ihren Betrachtern voller Inbrunst entgegen und dann wieder um sich, philosophiert mit naivem Ernst darüber, dass alles, was man tut, anderem den Platz wegnimmt. Sie empört sich maßlos, als sie im Chat ignoriert wird, war sie doch gerade noch so unglaublich schockverliebt. Sie tanzt zur Musik von Lucas Lejeune, obwohl eine Orthese an ihrem Knie auf eine Verletzung hinweist. Und sie schaut verblüfft, als sie per Videoeinspielung plötzlich draußen ist, vor dem Schauspielhaus steht und, wie gerade erst lebendig geworden, alles in sich hineinsaugt.
Am süßesten ist aber vielleicht die Szene, als sie versucht, mit dem riesigen pinken Plüschdelfin Zärtlichkeiten auszutauschen, der zu Beginn hinter ihr im Bett liegt. Wie man so einen Körper umarmt, das soll die hochintelligente Technik ihr erklären. So wie vieles andere, was sie wissen will. Doch KI oder wer auch immer da im Laptop steckt, hat ja selbst keine Gefühle und kann nur Handgriffe beschreiben, die keinerlei Wärme verbreiten. Das ist enttäuschend und ernüchternd, auch für eine, die geglaubt hat, ein solches Fenster zur Außenwelt würde ihr genügen, und die nun feststellen muss, dass sie ganz alleine ist. Auch wenn andere sie beim Plaudern und Hadern gerne beobachten.

Katja Sturm / Foto: Jessica Schäfer
Termine: 3. Februar, 20 Uhr; 22. Februar, 18 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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