Mit der Provokation ist es nichts mehr, selbstredend. Vor sechzig Jahren, am 8. Juni 1966, ist am Frankfurter Theater am Turm Peter Handkes »Publikumsbeschimpfung« uraufgeführt worden, unter der Regie von Claus Peymann. »Diese Bretter bedeuten keine Welt«: das ist der Schlüsselsatz in diesem Stück, das die Theaterkonventionen, die grundlegenden Vereinbarungen zwischen Theater und Publikum außer Kraft zu setzen beanspruchte. Keine Rollen, keine Handlung, keine Illusion. Nur das Hier und Jetzt, die gemeinsame Situation im Raum. Und am Ende werden die Zuschauer*innen beschimpft. Im Internet ist eine Fernsehaufzeichnung der Uraufführung zu sehen. Ein Zeitdokument, dass die Intensität, die Dringlichkeit spüren lässt.
Was hat dieser Klassiker des nachkriegsmodernen Theaters uns heute noch zu sagen? Mit der Provokation ist es nichts mehr – das weiß heute jeder, und natürlich auch Claudia Bauer, die Regisseurin der »Jubiläumsinszenierung« am Frankfurter Schauspiel. Sie schickt ihr anständig theaterhaft, jedoch beliebig wirkend mit Kostümen von Patricia Talacko und mit Perücken ausgestattetes (eigentlich sieben-, bei der Premiere aber krankheitsbedingt nur sechsköpfiges) Ensemble durch einen gepflegten Abend. Die drei gestaffelten Holzquadratwandkulissen von Andreas Auerbach wollen zuverlässig nichts sagen. Mal steigen sie zum Schnürboden auf, dann werden sie wieder heruntergelassen. Die Theatertechnik in Gestalt der Scheinwerferbrücken wird vorgeführt. Das Trio, das die perkussiv geprägte Musik von Peer Baierlein spielt, ist in einem Studio mit Uhr – merke: hier wird in Realzeit gespielt – und gerahmtem Foto des von der Dekade der Beatles geprägten jungen Handke auf der linken Seite untergebracht. Von einem gespiegelten Studio gegenüber gehen die Reden für gelegentliche Großprojektionen aus.
So viel zum äußeren Rahmen. Zuerst einmal ist das Ensemble – Torsten Flassig, Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Lotte Schubert, Andreas Vögler, der siebte wäre Arash Nayebbandi – in einer offenkundigen Probensituation weit hinten mit sich selber beschäftigt, man versteht in dieser ersten Szene kaum ein Wort. Dann hin zur Rampe. Der Text wird als Sprechpartitur samt Gesangspassagen hergenommen, an den entsprechenden Stellen geleitet von einer Dirigentin in der ersten Reihe. Ein paar leidlich amüsante Stellen finden sich. Und das Premierenpublikum ist stürmisch begeistert. Machen die Leute ja alle ihre Sache so gut.
Im Programmheft werden die Theatertheorien von Aristoteles über Lessing und Schiller bis Milo Rau – viele davon stellen es infrage – in aussagekräftigen Textauszügen dargestellt. Als Reflektion über das Theater kommt »Publikumsbeschimpfung« mit seinem zumindest intendierten Kippen der Zeichenhaftigkeit ein Platz in ebendieser Reihe zu. Die Inszenierung freilich … ein René Pollesch etwa hat die Dinge um das Theater entschieden pointierter zum Tanzen gebracht. Daneben mutet dieser Anderthalb-Stunden-Abend ungeachtet gegenteiliger Setzungen des Textes wie Stadttheater-Routine an. Hat es auch am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg einen Tom Stromberg gegeben und in Frankfurt eine Elisabeth Schweeger, die versucht haben, die Welten von Texttheater und postdramatischen Ansätzen in einem Haus zusammenzubringen, die Sprechbühnen haben (wenn natürlich nicht ohne Entwicklung) immer einigermaßen stoisch weitergemacht. Das ist am Ende auch gut so, denn es gilt, diese ästhetische Form immer wieder neu herauszufordern – nicht sie zu verabschieden.
»Publikumsbeschimpfung« im Schauspiel Frankfurt