»Romería – Das Tagebuch meiner Mutter« von Carla Simón

Die Liebe, der Tod, und das Meer: Eine bürokratisches Problem führt in diesem zarten Drama eine 18-Jährige in die Heimat ihres bis dato unbekannten Vaters und seiner Familie.

Im Jahr 2004 reist die 18-jährige Marina aus Barcelona nach Vigo an die galicische Atlantikküste. Im Gepäck hat sie eine Digitalkamera und das Tagebuch ihrer früh verstorbenen Mutter. Auch ihr aus Vigo stammender Vater, den sie nie kennengelernt hat, starb jung. Nun hat Marina ein Stipendium für ein Filmstudium in Aussicht und benötigt dafür dessen Sterbeurkunde. Laut Urkunde aber war Alfonso kinderlos. Bei der Suche nach einer Lösung kontaktiert die junge Frau erstmals ihre väterliche Verwandtschaft. Zuerst begegnet sie Onkel Lois und seiner Familie, die sie auf einen Segeltörn mitnehmen. Nach und nach lernt sie die anderen Mitglieder der Großfamilie kennen, die sie herzlich aufnehmen.
Doch die spärlichen Informationen, die sie über ihren Vater Alfonso, genannt Fon, bekommt, passen nicht zu den Details aus den Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter. Nur die vielen Kinder der quirligen Sippe lassen ab und an in aller Unschuld einen Satz fallen, der Marina bei ihrer Spurensuche weiterhilft. Als bei einem Familientreffen im Haus ihrer wohlhabenden Großeltern der Familienpatriarch Marina schweigend einen Umschlag voll Geld überreicht, beginnt die junge Frau, sanft zu rebellieren.
Laute Gefühlsexplosionen und Geständnisse werden in diesem Drama gekonnt umschifft. In einer romanhaften Überlagerung von Vergangenheit und filmischer Gegenwart erzählt Regisseurin Carla Simón stattdessen von einer jungen Frau, die mehr aus Zufall denn Absicht auf die Suche nach ihren Wurzeln geht, auf eine verdrängte Tragödie und eine große Liebe stößt. Der Film ist der letzte Teil einer Trilogie, die von der Familiengeschichte der katalanischen Regisseurin inspiriert ist. Im perspektivischen Wechselspiel aus Videotagebuch, in dem Marina etwa vom Meer aus auf ein Hochhaus zoomt, in dem sie die ehemalige Wohnung ihrer Eltern vermutet, und den Treffen, mit ihren wuseligen Verwandten, deren Interaktion sie als Zaungast beobachtet, zieht einen ihre Geschichte schnell in ihren Bann.
Wie nebenbei wird in dokumentarisch anmutendem Stil eine wildschöne Region mit eigenwilligen und traditionsbewussten Menschen porträtiert, deren Leben im Guten und Schlechten vom Meer geprägt ist. Fischfang und Drogenschmuggel, religiöse Volksfeste und von Tabletten beflügeltes Feiern gehen Hand in Hand. Eine Bootskatze wird schließlich zu Marinas Führerin in ein poetisch ausgemaltes Gestern, in dem das Mädchen seine Eltern wiederfindet.
In einer traumhaften Sequenz führt Marinas Expedition in die Vergangenheit unversehens zurück zur »Movida« der frühen achtziger Jahre, jene vor Lebenslust explodierende Post-Franco-Ära, wie sie in Pedro Almodóvars Filmen gefeiert wurde. Es war auch eine Zeit, in der besonders in Spanien viele junge Menschen Drogen und Aids zum Opfer fielen. Und so ist dieses vielschichtige Drama auch ein feinfühliges Memento Mori an jene »verlorene Generation« und die Toten, die von ihrem Familien schamhaft verschwiegen wurden.

Birgit Roschy
>>> TRAILER
Romería – Das Tagebuch meiner Mutter
von Carla Simón , E/D 2025, 114 Min.
mit Llúcia Garcia, Mitch Martín, Tristán Ulloa, Alberto Gracia, Miryam Gallego, Janet Novás
Drama
Start: 2.4.2026

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